Rezension 'Das Kapverdenhaus' (Ursa Koch)

Rezension 'Das Kapverdenhaus' (Ursa Koch)

Die Autorin des vorliegenden Buches ist manchen Lesern vielleicht bereits durch weitere Titel bekannt, die von einem Kinderbuch, über weitere Romane bis hin zur Reiseliteratur reichen – letztere beschäftigt sich im Übrigen bereits mit dem Thema der Kapverdischen Inseln 1.

Auch im vorliegenden Fall spielt die geradezu dramatische Handlung auf diesem malerischen Archipel und hier überwiegend in einem Dorf auf der Insel Santo Antão. Es geht um zwei aus Deutschland stammende Schwestern mit Namen Franka und Amelie, die bereits seit ihrer Kindheit miteinander zerstritten sind und die einen letzten Versuch unternehmen, vor dem Hintergrund der malerischen kapverdischen Inselwelt wieder zueinander zu finden. Amelie, die ältere der Beiden, besitzt ein Haus auf Santo Antão – das „Kapverdenhaus“ – das die Kulisse für den „Showdown“ mir letztendlich glücklichem Ausgang bietet. Die Handlung ist zunächst eher dramatisch-traurig, wechselt dann über zum heiter-humorvollen Ablauf und gewährt dem Leser nicht nur einen Einblick in das Seelenleben der beiden Frauen, sondern ist zugleich auch eine Art Reisetagebuch, das die Leser mit der kapverdischen Realität der Gegenwart vertraut macht. Die Leser erfahren Genaues über Frankas Reise von Deutschland nach Santo Antão und gewinnen einen kurzen Eindruck von den Strapazen und der Dauer der Reise, die über Las Palmas und Mindelo nach Porto Novo auf Santo Antão führt. Zunächst bleibt der Text jedoch ein wenig nebulös; man hört den Schrei „Pesch“ und kann nur ahnen, dass damit der Fisch, auf Portugiesisch „peixe“, gemeint ist. Dann flüstert Amelie unverständliche Worte, und die jüngere Schwester Franka weiß zunächst nicht genau, wo sie sich gerade befindet und was mit ihr geschehen ist. Die Auflösung des Rätsels erfolgt erst am Ende des Buches, als die Leser erfahren, dass Franka auf einem kleinen Schiff von einer Segelstange am Kopf getroffen wurde und in der Folge in eine tiefe Ohnmacht gefallen ist – der Arzt vom „Posto Sanitário“ stellte eine leichte Gehirnerschütterung fest. Die Protagonistin kann jedoch bis zum Ende des Buches nur eingeschränkt handeln, hat Albträume und steht unter Schock. Doch danach kommt die Autorin wieder auf Frankas Reise nach Santo Antão zurück, und wir erfahren von ihrer Abreise aus Deutschland und dem Abschied von ihrem Ehemann Arne und den beiden Kindern. Die Einladung von Amelie erfolgte nach zwei Jahren absoluter Funkstille zwischen den Schwestern, und Franka befürchtete, dass ihr Aufenthalt auf der Insel zu unkalkulierbaren Konflikten führen könnte – geplant war, über den letzten Willen ihrer Mutter zu sprechen. Franka beschloss, trotz ihrer Bedenken, zwei Wochen Urlaub zu nehmen und die Reise ins Ungewisse zu riskieren. Die Ich-Erzählerin berichtet ausführlich von den Unannehmlichkeiten des Flugs, vom Zwischenstopp in Las Palmas, von der Landung auf Sal – der Name der Insel fällt übrigens hier nicht – dem Weiterflug nach Mindelo, der Begegnung mit dem sympathischen Kapverdier Fernando, der Übernachtung in Mindelo und der stürmischen Überfahrt nach Porto Novo, bei der die Protagonistin eher zufällig Jorge trifft, den Besitzer einer kleinen Familienpension auf Santo Antão, den Franka von einem früheren Aufenthalt her kannte. Jorge und die Erzählerin berichten, dass sich die Wirtschaftskrise in Europa – und hier insbesondere in Portugal – auch auf den Kapverden zeige und die in Portugal lebenden Verwandten weniger Geld als früher auf kapverdische Konten transferieren könnten. Als Ausgleich, so Jorge, kämen immer mehr Touristen auf den Archipel, von denen manche, wie Amelie, sogar dauerhaft sesshaft würden. Franka berichtet im Anschluss über das Zerwürfnis zwischen ihrem Schwager Wolfram und ihr, das sich anlässlich seines sechzigsten Geburtstags in Hamburg ereignete und bei dem es um Spenden für Lateinamerika ging. Die Ich-Erzählerin kommt danach noch einmal auf den letzten Abschnitt ihrer Reise nach Santo Antão zu sprechen – es war die unruhige Überfahrt mit der Fähre nach Porto Novo, das sich seit ihrem letzten Aufenthalt mit Ausnahme eines neuen Hafengebäudes nicht stark verändert hatte. Geblieben war auch die Lässigkeit, mit der sich die Einheimischen bewegten, die ganz anders war als in ihrer deutschen Heimat. Das Abholen durch ein Sammeltaxi2 klappte nicht sofort – der Fahrer mit Namen Dijon war nicht zur Stelle – und somit musste Franka einen anderen Fahrer bemühen, der den schönen kreolischen Namen „Pombe“(Taube) trug. In der baufälligen Markthalle suchte Franka nach einem Geschenk für Amelie, da sie nicht mit leeren Händen in ihr Haus kommen wollte. Bei ihrem Einkauf in einem China-Laden traf sie erneut Jorge, der von einer jungen Frau und einem kleinen Jungen begleitet wurde, der Papa rief – also hatte Jorge offensichtlich eine zweite Familie, nichts Ungewöhnliches auf den Kapverden. Pombe kam überpünktlich und ließ Franka in das Sammeltaxi einsteigen, das bereits mit Gepäck und Krimskrams anderer Menschen beladen war.

Im dritten Kapitel des Romans wird die „Casa Ame“ vorgestellt, also das Haus, in dem Amelie lebte. Dieses ist nach modernstem europäischem Standard eingerichtet, obwohl es von außen wie ein kapverdisches Steinhaus aussah. Amelie kam etwas später, und die Begrüßung unter den Schwestern war kühl. Sie erklärte Franka die Hauskonstruktion, erwähnte die Probleme mit Trockenheit und Wassermangel – typisch für die Kapverden – und erwähnte die stundenlangen Stromausfällen. Sie lernt auch die Hausangestellte Lorina kennen, die sich auch um die Küche kümmerte. Im nächsten Kapitel trifft Franka die Schweizerin Véronique, die auf der anderen Seite der Insel wohnt und Heilpraktikerin von Beruf ist. Sie wird Franka im Verlauf der Geschichte medizinisch betreuen, so wie sie auch Amelie bisher unterstützt hatte. Durch Véronique erfährt Franka, dass sie einen Unfall gehabt hatte, der schlimmer hätte ausgehen können. Franka kann sich jedoch an keinen Unfall erinnern – das Vergangene ist bei ihr wie ausgeblendet. Durch ein heimlich mitgehörtes Gespräch zwischen Amelie und Véronique erfährt Franka, dass Amelie schwer krank war, aber jetzt nicht mehr suizidgefährdet ist. Warum das alles so ist, erfährt sie durch einen heimlichen Besuch in Amelies Arbeitszimmer, wo sie den letzten Brief ihrer Mutter findet, in dem diese ihrer Tochter mitteilt, dass Amelie und Franka keinen gemeinsamen Vater haben. Amelies Vater ist ein kapverdischer Werftarbeiter, den ihre Mutter in Hamburg kennengelernt hatte. Amelie und Franka sind also Halbgeschwister – und von dem „Fehltritt“ der Mutter wusste ihr Ehemann, der schon früh gestorben ist, nichts. Auf jeden Fall haben beide Schwestern – aus unterschiedlichen Gründen – keinerlei Liebe zu ihrer bigotten Mutter entwickeln können. Franka war immer das missratene Kind der Familie, Amelie dagegen die strahlende Tochter mit guten schulischen Leistungen und zahlreichen Freundinnen, die sie zu ihrem Geburtstag einlud – Franka war meistens nicht dabei. In der Wohnung findet Franka den „Stern des Südens“, ein Amulett, das ihre Mutter seit Jahrzehnten getragen hatte und das wohl nicht das Geschenk ihres Ehemanns gewesen war. Das Ganze wird im Kapitel „Fragmente“ genauer beschrieben, und die Leser erfahren, dass es sich bei Amelies Vater um einen Kapverdier mit dem Namen Carlos Almeida da Cruz gehandelt hatte. Dieser hatte Hamburg nach einiger Zeit wieder verlassen, ohne zu ahnen, dass Amelies Mutter eine Tochter von ihm erwartete. Obwohl Franka mittlerweile weiß, dass Amelia „nur“ ihre Halbschwester ist, greift sie dieses Thema während ihres Aufenthaltes in der „Casa Ame“ nicht auf; wohl, um sie nicht zu verletzen. Sie ist bereit, mit Amelie eine Tageswanderung in den Bergen zu unternehmen, obwohl sie sich körperlich und seelisch eher schlecht fühlt und ihr die Kondition Amelies fehlte. Auf dem steilen und rutschigen Weg durch das Lavageröll wuchs Frankas Zorn auf ihre Schwester, die den Weg scheinbar mit Leichtigkeit bewältigte und damit ihre Überlegenheit beweisen wollte.

Als eine Art Zwischenspiel blendet Ursa Koch hier den Besuch eines unerwarteten Gastes ein, bei dem es sich um Mattu handelte, den Freund von Véronique, mit dem sie sich auf Kreolisch unterhält, das weder Franka noch Amelie verstehen. Dann berichtet Véronique von Amelies Vater, der in Praia verheiratet war und vor zwei Jahren verstorben ist und dessen großer Verwandtschaft, die jetzt auch die Amelies‘ ist. Sie hatte Franka schon vorher alles erzählen wollen – auf der Wanderung durch die Berge – doch Frankas Ohnmacht kam dazwischen. So erfuhr sie alles erst auf Umwegen durch Véronique. Franka ist gerührt und sowohl sie als auch Amelie brechen in Tränen aus. Diese Szene, obwohl sie noch nicht das Ende des Romans darstellt, bringt die ganze Geschichte zu einem versöhnlichen Schluss.
Ist die Lektüre des „Kapverdenhauses“zu empfehlen? Ich meine ja, denn die Geschichte ist vielschichtig und dem interessierten Leser werden zahlreiche Aspekte des kapverdischen Lebens gezeigt. Leider, und das muss auch gesagt werden, enthält der Roman einige sprachliche Ungenauigkeiten, die sogar mehrfach vorkommen. Genannt sei hier nur der Satz „Er war auf Praia verheiratet“ auf Seite 224 – das muss natürlich heißen „Er war in Praia verheiratet“. Und ähnlich auf Seite 21 „Der Zwischenstopp auf Las Palmas“, was in Las Palmas heißen muss.
Was die Ungenauigkeiten im Portugiesischen betrifft, so nenne ich hier nur die Schreibung „Residençial“ statt richtig „Residencial“, Der Fehler kommt häufig vor - auch bei den Worterklärungen. Auch „Merçearia“ auf Seite 243 ist falsch geschrieben – richtig wäre „Mercearia“. Bei den Worterklärungen ist die Schreibung im Übrigen korrekt. Es heißt nicht „Maracuja“ – Seite 112 – sondern „Maracujᓠund nicht „saudé“ – Seite 111 – sondern „saúde“. Und mit dem Satz „O meo amore“ auf Seite 223 kann ich nichts anfangen – das ist weder portugiesisch noch kreolisch. Alles in allem nichts Besonderes. Bei einer eventuellen zweiten Auflage könnten diese kleinen Ungenauigkeiten problemlos bereinigt werden.

1 Ursa Koch, Im Roten Schein des Nibiru
2 Die Autorin spricht häufig von Sammeltaxis. Damit sind wohl die „Aluguers“ gemeint?

Ursa Koch: 'Das Kapverdenhaus' (Roman)
Albas Literatur Verlag, 2015
ISBN: 978-3-944856-15-5, 14,80 €
E-Book 978-3-944856-10-0, 9,99 €
Arne Lund
9.9.2015