Unterwasser-Archäologie in Cabo Verde

Unterwasser-Archäologie in Cabo Verde

Die im Zuge der von Heinrich dem Seefahrer (1394 - 1460) ab 1419 entlang der westafrikanischen Küste veranlassten Entdeckungsfahrten 1456 durch Diego Gomez und Ca´da Mosto entdeckten Kapverdischen Insel wurden durch die auf ihnen erfolgende Versorgung der Schiffe mit Trinkwasser und frischen Nahrungsmittel sowie durch den zwischen Afrika und Brasilien entstehenden Sklavenhandel sehr schnell reich. Nach Gründung eines katholischen Bistums im Jahre 1532 und der damit bewirkten Erhöhung der Verkaufspreise für getaufte Sklaven wuchs der Reichtum der Inselbewohner weiter.
Dadurch wurden sie allerdings auch zum lohnenden Ziel von Überfällen und Plünderungen. So wurde die damalige Hauptstadt Ribeira Grande - heute Cidade Velha - auf Santiago 1541 von Piraten, 1585 von den Engländern unter Sir Francis Drake, 1592 erneut von den Engländern und 1712 von den Franzosen geplündert. Bei den Kämpfen sank auch manches Schiff. Stürme, plötzlich auftretende Nebel, Staubstürme, atlantische Wellen und Riffe taten ein übriges. So vermutet man in der Bucht vor Cidade Velha einen großen Schiffsfriedhof der Südamerika- und Ostasienfahrer des 16. bis 18. Jahrhunderts.
Bei stürmischem Wetter schlugen schwere Grundseen am 18. April 1743 die ´Princess Louisa´ der im Jahre 1600 gegründeten englischen East India Company vor Maio, der südöstlichsten der Kapverdischen Inseln, leck. Das 500 BRT messende Schiff, das auf der Reise nach Bombay war, ging mit 30 Kanonen, Pistolen, Schießpulver, Elefantenstoßzähnen und zwanzig Kisten Silbermünzen unter. Wie auch heute immer wieder zu beobachten, ging die See so hoch, dass das in der Nähe befindliche Schwesterschiff ´Winchester´ die auf ein Riff geschleuderten Schiffbrüchigen der 99köpfigen Besatzung nicht retten konnten. Die vor über 250 Jahren versunkenen 72.846 Münzen im Wert von knapp 20.000 £ beschäftigen noch heute die Menschen. Zumal der Liebhaberwert durch Fachleute des deutsch-portugiesischen Schatztaucherkonsortium Arqueonautas auf mindestens 50 /Münze geschätzt wird. Die Berger erhoffen sich einen Erlös von 7.5 Mio DM.
Vor der am weitesten im Osten gelegenen Insel Boa Vista liegen vermutlich 72 Kisten voller Münzen. Sie gehören zur Fracht der 1787 dort auf ihrer Jungfernfahrt mit 129 Mann Besatzung gesunkenen ´Hartwell´. Als deren Kapitän Edward Fiott nach einer Meuterei die in Ketten gelegten Meuterer an den Inselgouverneur übergeben wollte, geriet sein Schiff infolge der auf den Karten um einige Meilen versetzt eingezeichneten Inseln und durch heftige Strömungen auf ein Riff und ging sehr schnell unter. Ungeschickte Manöver der durch die Kämpfe mit den Meuteren übermüdeten Mannschaft taten ein übriges.
1944 sank westlich der Inselgruppe das japanische U-Boot I-52 mit einer großen Goldladung. Selbst in moderner Zeit rosten auf Klippen gestrandete Schiffe in der Küstenzone vor sich hin.
So nimmt es nicht wunder, dass die Kapverdischen Inseln zu einem begehrten Ziel für Unterwasserarchäologen und Schatzsucher geworden sind.
Das vor der Insel Maio nur wenig unter der Wasseroberfläche gelegene Riff, an dem die ´Princess Louisa´ gestrandet sein soll, wird jetzt von acht Tauchern des Bergungsschiffes ´Polar´ untersucht. Bei den Tauchgängen werden dive logs erstellt, die durch Rechner ausgewertet werden. So hofft man, Anomalien der Meeresoberfläche feststellen und dadurch eventuell Reste des Wracks ermitteln zu können. Einige kleinere Fundstücke konnten bald geborgen werden. Inzwischen wurden das Elfenbein und 40.000 Silbermünzen im Wert von 3 Mio DM gehoben. Die Münzen stimmen allerdings nicht mit den in den Ladepapieren verzeichneten Münzen überein. Offenbar wurde schon damals ´Schwarzgeld´ unprotokolliert transferiert. Nun sucht man weiter nach dem ´offiziellen´ Geld. Eine unversehrt gefundene Porzellantasse lässt vermuten, dass die Suchtrupps sich der Kapitänskajüte nähern, bei der üblicherweise die Geldwerte deponiert wurden.
Die ´Polar´ kartiert auch vor der Küste von Boa Vista und hat dort mehrere Wracks lokalisiert, unter ihnen vermutlich das der ´Hartwell´.
Die Bergungstätigkeit ist aber auch heute noch gefährlich, so wurde der englische Taucher David Baxter im Februar 1996 gegen einen Felsen geschleudert und tödlich verletzt.
Bei dem eventuellen Ertrag muss man bedenken, dass die Bergung bisher bereits acht Mio DM gekostet hat. Dieses Geld kommt auch unmittelbar den Kapverdianern zugute. So arbeiten einheimische Langustenfänger für 600 / Monat auf der ´Polar´. Allerdings muss das Startkapital zunächst einmal beschafft werden.
Initiator der Unterwasserbergung vor den Kapverdischen Inseln ist der deutsche Nikolaus Graf Sandizell, der 1994 auf Madeira das deutsch-portugiesische Schatztaucherkonsortium Arqueonautas gründete. 168 Anleger - Ärzte, Rechtsanwälte und Schmuckhersteller - zeichneten jeweils mindestens 25.000 ; das Emissionshaus New York Broker bot Anteile an der amerikanischen Technikbörse Nasdaq an. So konnte Sandizell eine internationale Gruppe von Spezialisten vom Institute Mare der Oxford University, südafrikanische Taucher und kubanische Meeresforscher anheuern.
Erst neuere Fortschritte der Ortungstechnik haben derartige Aktivitäten ermöglicht. Hinter einem Forschungs- oder Bergungsschiff hinterhergeschleppte torpedoförmige ResonanzMagnetometer registrieren Anomalien des Erdmagnetfeldes und können die Lage eiserner Kanonen aufzeigen. Side-Scan-Sonare senden fächerartig Schallwellen auf den Meeresgrund. Aus den Echosignalen ermitteln schnelle Rechner einen Schattenriss des Meeresgrundes. Das Global Positioning System erlaubt mit Hilfe jeweils zweier US Militär Satelliten und mit Hilfe des Differential Global Positioning Systems eines Land-Korrektur-Senders nicht nur, die genaue Lage des Bergungsschiffes zu bestimmen, sondern es auch durch satellitengesteuerte Propeller metergenau auf Position zu halten. So können ferngelenkte Roboter bis in 3.000 m Tiefe Planquadrate des Meeresbodens sorgfältig und punktgenau in parallelen Suchfahrten bearbeiten. Das Auffinden des nach der Kollision mit einem Eisberg gesunkenen Luxusdampfers ´Titanic´ hat diese Verfahren weltweit bekannt gemacht; die ´Titanic´-Ausstellung in der Hamburger Speicherstadt im vergangenen Jahr den Besuchern deren Arbeitsweise vor Augen geführt.
Wegen der hohen Kosten der Bergung ziehen die Schatzsucher im Vorwege in Aktenlagern, Bibliotheken und Archiven - zum Beispiel Archivo de Indias im spanischen Sevilla - Logbücher, Akten, Frachtbriefe, Ladelisten, Untersuchungsprotokolle, Positionsskizzen und zeitgenössische Berichte zu Rate.
Die heutigen Möglichkeiten locken allerdings nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Reedereivertreter, Piraten, Glücksritter und Investoren an. Zwanzig große und mehrere hundert kleine Firmen durchforschen die Ozeane. Denn Riffe, Stürme, Explosionen, Versicherungsbetrug und Kriegsereignisse ließen Zehntausende von Schiffen in den vergangenen zwei Jahrtausenden untergehen. Spanische Galeonen; chinesische Dschunken, Brigantinen der Piraten, Koggen der Hanse, Ostindienfahrer der Europäer und Goldtransporter beider Weltkriege versprechen reiche Beute. Mindestens 2.000 lohnende Objekte hat der Bremer Wrackforscher Carsten Standfuß in seiner Datei erfasst.
Unterwasserarchäologen, Denkmalschützer und Wrackplünderer liefern sich wie eh und je einen erbitterten Kampf. Meeresforscher Franck Goddio betrachtet ein ´gesunkenes Schiff wie eine gut verkorkte Flaschenpost aus einer lange vergangenen Epoche´. Ein Wrack enthält gebündelte Informationen über eine Zeiteinheit, die nicht, wie bei terrestrischen Funden möglich, mit jüngeren oder älteren Ablagerungen vermischt sind. So fand man zum Beispiel ein genau datierbares, bisher unbekanntes Instrument zur Längenbestimmung
Fachleute der UNESCO versuchen, historisch und ökonomisch wertvolle Funde zu retten. Sie wünschen sich, dass alle Schatzsucher sauber arbeiten, wichtige Artefakte an Museen abliefern oder auf Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren und nur Massenware verkaufen. Oft scheitern sie jedoch an den nicht zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln und der fehlenden, für die Bergung erforderlichen high-tech-Ausrüstung. Eventuell ergibt sich hier für den in Hamburg angesiedelten Internationalen Seegerichtshof ein lohnendes Betätigungsfeld. Es finden sich jedoch auch gemeinsame Aktivitäten von Wissenschaftlern und kommerziellen Bergern.
Während oder nach erfolgreicher Bergung gibt es oft Streit um die Besitzrechte. Historisch bedingt, gehen etwa die Franzosen als koloniale Schifffahrtsnation davon aus, dass alle französischen Wracks ihnen gehören; die einst kolonial genutzten Staaten wie Ägypten hingegen vertreten die Ansicht, dass alles, was in ägyptischen Gewässern liegt, ihnen gehöre. Liegt ein Wrack in der 24-Meilen-Zone, dann gehört es üblicherweise dem jeweiligen Staat, der 25 % bis 50 % des Fundes beansprucht. In internationale Gewässern gilt die Brüsseler Konvention von 1910, nach der ein ´herrenloses´ Schiff dem Finder gehört. Oft betrachten sich die Versicherungsgesellschaft, die einst den Schaden regulierten, und Nachkommen ertrunkener Passagiere sowie die Befrachterfirmen als ´Herren´. Ein Anwalt in Delaware hat sich bereits auf Rechtsstreitigkeiten bei versunkenen Schiffen spezialisiert.
Ärgste Konkurrenten sind Investmentgesellschaften, die ihren oft sehr gutgläubigen Anlegern in farbenprächtigen Katalogen - oft sogar mit Karten von Wrackpositionen und Faksimiles von Ladepapieren - hohe und schnelle Renditen versprechen. Aber die Dokumente sind nicht immer präzise und manchmal sogar fehlerhaft.
Die Hamburger Finanzierungsgesellschaft Seabed Invest informiert potentiellen Kunden darüber, dass von zehntausend Schiffen der spanischen Silberflotte zwischen 1503 und 1660 rund ein Drittel als vermisst gilt. Die kanadische Visa-Gold-Resources Gesellschaft, die als erste eine Bergungslizenz von Fidel Castro erhielt, weist daraufhin, dass an der Nordwestküste der Karibikinsel 400 Frachtsegler mit Maya Gold durch Wirbelstürme versenkt worden seien.
Auch das moderne Kommunikationssystem des Internet wird zur Kapitalbeschaffung genutzt wie auf der Seite www.boat.de/seabed/ der Hamburger Seabed Invest und der Seite www.wrecksalvage.com der deutsch-schwedisch-englischen Marine Salvage Group zu sehen ist.
Bücher wie ´Das Goldschiff´ von Gary Kinder und Fernsehfolgen wie ´Schliemanns Erben´ halten in breiten Bevölkerungskreisen das Interesse an der Archäologie wach, das im 19. Jahrhundert durch die grabungstechnisch umstrittenen Aktivitäten des Mecklenburgers Heinrich Schliemann in Troja und durch das Buch ´Götter, Gräber und Gelehrte´ von C. W. Ceram geweckt wurden. Aktuelle Berichte über die Unterwasserarchäologie wie die Titelgeschichte des SPIEGELS im Juli 1999 rücken die Bedeutung der Kapverdischen Inseln in der Geschichte der transatlantischen Seeschifffahrt wieder in das Bewusstsein der Menschen.
Niels Gründel
6.8.2003