Rezension „Chiquinho“ von Baltasar Lopes

Der kurzen Rezension sollen zunächst einige Erläuterungen zum Verfasser des Romans, seinen Schriften und seinem persönlichen Umfeld vorausgeschickt werden. Baltasar Lopes wurde am 23. April 1907 in Caleijão (São Nicolau) geboren, und er starb am 28. Mai 1989 in Lissabon. Lopes, dessen vollständiger Name Lopes da Silva lautet, verbrachte den größten Teil seines Lebens auf São Nicolau und dessen Nachbarinsel São Vicente. Er besuchte zunächst das von Priestern geleitete Seminar von Caleijão und wechselte anschließend auf das Gymnasium von São Vicente über, wo er das Zeugnis des „Sétimo Ano“(Abitur)erwarb. Danach folgten Studien in Lissabon – Jura und Romanische Philologie- und später die Rückkehr nach São Vicente, wo Lopes als Lehrer – später als Direktor – am renommierten Gymnasium Gil Eanes tätig war. Er verließ São Vicente kurz danach und wurde im portugiesischen Leiria als Lehrer für Portugiesisch und alte Sprachen angestellt. Im Zusammenhang mit diesem Aufenthalt geriet Lopes in Konflikt mit den portugiesischen Behörden und der salazaristischen Polizei und kehrte erneut auf die Kapverden zurück, wo er überwiegend als Rechtsanwalt tätig wurde.

Zu den bekanntesten Arbeiten des Autors gehören das Standardwerk zum Kapverdischen - O dialecto crioulo de Cabo Verde aus dem Jahr 1957 – und verschiedene Gedichtsammlungen in portugiesischer und kapverdischer Sprache. Hier finden sich auch Kurzgeschichten und Gedichte in Kreolisch, die Lopes unter dem Pseudonym Osvaldo Alcântara veröffentlichte. Gemeinsam mit Jorge Barbosa und Manuel Lopes gab Baltasar Lopes die Zeitschrift Claridade heraus, die aufgrund massiver Behinderungen durch das Regime des Diktators Salazar nur dreimal – 1936, 1946 und 1958 - erscheinen konnte. Zu seinem bekanntesten fiktionalen Werk gehört jedoch zweifellos der hier interessierende Roman Chiquinho, der von den bekannten französischen Kreolisten Françoise und Jean Michel Massa als das Meisterwerk der kapverdischen Literatur gerühmt wurde. In der renommierten portugiesischen Literaturgeschichte von António José Saraiva und Óscar Lopes (Porto 1967) wird Baltasar Lopes unter den Autoren der portugiesischen Überseegebiete genannt und als Verfasser des Romans Chiquinho gerühmt.

Chiquinho erschien im Jahr 1947 in Lissabon in portugiesischer Sprache – eine zweite Ausgabe erfolgte im Jahr 1984, ebenfalls in Lissabon. In diesem Roman mit autobiographischen Zügen kommt das Kapverdische nur in Form kürzerer Zitate vor, die im portugiesischen Original in das Portugiesische übersetzt wurden - in der deutschen Ausgabe werden diese gesperrt gedruckt und ins Deutsche übertragen. Dieses gilt im Übrigen auch für Begriffe aus der kapverdischen Flora und Fauna und dem kapverdischen Alltagsleben, die dem portugiesischen Leser nicht vertraut sind – sie werden in Form von Anmerkungen erläutert. In diesem Zusammenhang könnte die Frage gestellt werden, warum sich Lopes für das Portugiesische und nicht für seine Muttersprache entschieden hat. Ich glaube, dass dafür ganz praktische Motive eine Rolle gespielt haben. Der Wortschatz des Kapverdischen war im Jahr 1947 noch nicht normiert und der Leserkreis, der sich mit einem in kreolischer Sprache abgefassten Buch beschäftigen wollte, zu klein. Eine portugiesische Version konnte demgegenüber die gesamte Lusophonie mit mehr als 200 Millionen potentiellen Lesern erreichen.

Der Roman ist in drei große Kapitel unterteilt, wobei das erste der Kindheit in Caleijão (São Nicolau), das zweite der Jugend und dem Studium auf São Vicente und das dritte – ‚Regenzeit‘ überschrieben - der Rückkehr nach São Nicolau gewidmet ist.

Im ersten Abschnitt werden die Menschen vorgestellt, mit denen der Autor als Kind Kontakt hatte, d.h. seine Mutter, Großmutter, Onkels, Tanten, Freunde und später auch Freundinnen. Der Vater kommt dagegen nur in Abwesenheit vor, denn wie viele kapverdische Väter hält er sich in Amerika auf und arbeitet in der dortigen Industrie. Anders jedoch als in vielen vergleichbaren Fällen, schickt Lopes‘ Vater Geld nach Hause und ermöglicht seiner kleinen Familie ein bescheidenen Wohlstand. Großmutter und Mutter des Jungen fördern seine Leistungen auf der Seminarschule von Caleijão und seinen Übergang auf das Gymnasium in São Vicente, wo er die sechste und siebte Klasse besucht. Auf São Vicente wohnt Chiquinho bei einer entfernten Verwandten, die er noch nie zuvor gesehen hatte, die ihn jedoch äußerst freundlich als Familienangehörigen aufnahm. Anders als auf São Nicolau, wo Chiquinho im Inselinnern, also auf dem Land, gelebt hatte, kam er jetzt zum ersten Mal in direkten Kontakt mit dem Meer. Das im Vergleich zu seiner Heimatinsel üppige Angebot an Bananen, Mangos und Guaven begeisterten den Jugendlichen, obwohl es, wie seine Tante betonte, eher mäßig war. Chiquinho nahm auch in Begleitung seiner Neffen das Elend der großen Stadt Mindelo wahr, in der die wenigen Reichen in der Nähe einer Masse an schlecht oder gar nicht entlohnten Hafenarbeitern lebten. Er vermisste schon bald seine Mutter und Großmutter und vor allem seine guten Freunde, die auf São Nicolau geblieben waren und für die eine Reise nach São Vicente nicht möglich war. Chiquinho gewann jedoch früh einen neuen guten Freund, etwas älter als er und mit ihm entfernt verwandt.

Dieser Andrézinho genannte junge Mann war eine kämpferische Natur, Gymnasiast wie er und im Begriff, eine Gruppe zu gründen, die sich ‚Kapverdisches Kulturkommitee“ nannte und gegen die herrschenden Verhältnisse auf São Vicente rebellierte. Andrézinho half Chiquinho darüber hinaus die Realitäten seiner Heimatinsel São Nicolau besser zu verstehen und entsprechend einzuordnen. Dieses Komitee, das sich auch als Gremium verstand, wurde von einigen jungen Leuten gebildet, denen sich der junge Mann aus São Nicolau ohne Zögern anschloss und denen er bis zu seinem Schulabschluss treu blieb.

Der Autor erzählt hier auch von seiner ersten großen Liebe zu Nuninha, die sich als Stadtmensch stark von den Bauernmädchen auf São Nicolau unterschied und der Chiquinho bis zum Verlassen der Kapverden verbunden blieb. Auch das genannte Gremium nahm feste Formen an. Man mietete einen Raum für Besprechungen und Vorlesungen an und beschloss, eine Zeitung zu gründen, die von Andrézinho, Chiquinho und anderen Gymasiasten geleitet wurde – Chiquinho wollte diese Studentenzeitung mit dem Namen ‚Die Erneuerung‘ für seine ersten literarischen Versuche nutzen – er dachte vor allem an Kurzgeschichten.

Artikel über das Thema Armut auf São Vicente, den Niedergang der Wirtschaft und den Rückgang des Schiffsverkehrs am Beispiel des Hafens ‚Porto Grande‘ sollten den Verfall der Kapverden zeigen. Die jungen Leute waren offensichtlich politisch links orientiert, wofür auch die häufige Anrede ‚Genosse‘ spricht und träumten von einem anderen Cabo Verde ohne Elend und ohne Hunger.

Die jungen Redakteure bemühten sich um Abonnenten für ihr Blatt und das nicht nur auf São Vicente, sondern auch in Praia (Santiago). Wie es jedoch scheint, verlief das Zeitungsprojekt im Sande, denn der Autor spricht später nicht mehr von ihm. Ähnliches geschieht auch bei dem Besuch des Gouverneurs aus Lissabon, der nach Praia auch São Vicente besucht. Die Pläne der Jugendlichen, ihn gemeinsam mit Vertretern der Arbeiterschaft auf das große Elend in Mindelos Hafen hinzuweisen, bleiben ohne Erfolg.

Es fehlt an entsprechender Unterstützung durch die Gewerkschaft, und das Bürgertum der Insel zeigt kein Interesse. Die Bitte der Landarbeiter, man möge ihnen die geschuldete Grundsteuer erlassen, bleibt ebenfalls ohne Erfolg. Am Ende des zweiten Kapitels über São Vicente schildert uns der Autor noch ein dramatisches Ereignis, dass das besondere Problem der Kapverdischen Inseln zu jener Zeit zeigt. Ein guter Freund und Mitschüler des Autors, der den Namen Manuel de Brito trägt, aber von allen nur mit seinem Spitznamen ‚Parafuso‘ (Schraube) gerufen wird, stirbt aufgrund mangelhafter ärztlicher Versorgung an Tuberkolose. Auch andere Freunde und Verwandte des Autors leiden unter schweren Krankheiten, zu denen die Malaria gehört, die von Lopes bisweilen auch als Wechselfieber bezeichnet wird - die ärztliche Betreuung auf allen Inseln ist absolut unzureichend, und die meisten der Kranken sind darüber hinaus unterernährt und stehen kurz vor dem Hungertod. Eine weitere Plage auf São Vicente und auf São Nicolau – wie auf den übrigen Inseln auch – ist die Trunksucht der männlichen Bevölkerung, die schnell zum hochprozentigen und billigen „Grogue“ greifen.

Nach dem Abschluss der siebten Gymnasialklasse kehrte Chiquinho nach São Nicolau zurück. Er konnte sich nicht vorstellen, wozu sein Abitur dienen sollte, denn die Verhältnisse auf dieser landwirtschaftlich geprägten und rückständigen Insel erschienen ihm noch katastrophaler als auf São Vicente. War diese der Vorhof zur Hölle, so war São Nicolau die Hölle selbst. Das Kapitel, in dem der Autor seine Rückkehr auf seine Heimatinsel beschreibt, nennt er „Regenzeit“ – auf Portugiesisch „As Chuvas“ – und spielt damit auf die Grundprobleme von São Nicolau, den fehlenden Regen, die Trockenheit, die Dürre und den Hunger an. Chiquinho wurde von seinen Verwandten distanziert begrüßt – er hat sich stark verändert und ist hochmütig geworden, so die Reaktion der Großmutter und auch die der Freunde aus den Kinderjahren.

Auf jeden Fall bekam Chiquinho das Gefühl vermittelt, er gehöre nicht mehr dazu, seine Abwesenheit in São Vicente habe aus ihm einen anderen Menschen gemacht. Er musste sich erst an das kümmerliche Leben in der Kleinstadt gewöhnen – gemeint ist wohl Ribeira Brava (Anmerkung des Rezensenten). Von seinen früheren Freunden traf Chiquinho nur noch den gleichaltrigen Toi Mulato an, der ihm weniger ablehnend als die übrigen Bekannten und Verwandten begegnete, São Nicolau jedoch bald verließ, um zur See zu gehen. Welche Möglichkeit hatte Chiquinho noch, um auf dieser Elendsinsel zu überleben? Wie andere Freunde auch, die den entsprechenden Abschluss besaßen, blieb nur der Beruf des Schullehrers. Ein weiterer Plan war, Nuninha zu heiraten und mit ihr ein Häuschen an der Küste Nuninha zu bewohnen. Was die schulische Laufbahn betraf, so erhielt Chiquinho tatsächlich die Ernennung zum Lehrer, jedoch nicht in seinem Heimatort Caleijão, sondern in dem abgelegenen Dorf Morro Brás, von dem aus Ribeira Brava und Calejão nur schwer zu erreichen war.

Als Chiquinho zum Lehrer ernannt wurde, begann die schlimmste Dürre, die die Insel seit langem getroffen hatte – es gab kein Maiskorn mehr, keine Bohnen oder auch Maniok. Mit der Trockenheit setzte eine große Hungersnot ein, die zahlreiche bereits durch Krankheiten geschwächte Personen dahinraffte. Auch die Schüler von Morro Brás waren davon betroffen und mehr als die Hälfte der Kinder starb innerhalb kürzester Zeit. Der Autor schildert eindrucksvoll die Leichenzüge mit verhungerten Menschen, die Ausbreitung von Seuchen unter den Nutztieren, krepierte Kühe, wie sich Heuschrecken über die Ernte hermachen, ausgemergelte Gestalten vor dem Hungertod stehender Personen, Plünderung und Versuche gewaltsamen Widerstands gegen die Regierungsbeamten. Und, wie der Autor berichtet, sind die Verhältnisse auf den anderen kapverdischen Inseln ähnlich, wenn auch nicht ganz so apokalyptisch wie auf São Nicolau.

Anmerkung des Rezensenten: Die portugiesische Regierung versuchte, durch zwangsweise Aussiedlung eines großen Teils der Bewohner von São Nicolau und deren Ansiedlung auf São Tomé diese Menschen vor dem Hungertod zu bewahren.

Um dem Elend zu entgehen, beschloss unser Autor auf Rat seines Vaters und seiner Mutter der kapverdischen Heimat den Rücken zu kehren und nach Amerika überzusiedeln. Er ließ seine Freunde auf den Inseln zurück und auch Nuninha, der er die Ehe versprochen hatte. Jetzt dachte er jedoch daran, sie in nächster Zeit nach Amerika nachzuholen und ihr damit ein weiteres Leben in der Misere São Vicentes zu ersparen.

Zum Abschluss dieser kurzen Besprechung sei noch darauf hingewiesen, dass Chiquinho autobiographische Züge trägt, jedoch nur teilweise mit dem wirklichen Leben von Baltasar Lopes übereinstimmt. Es ist ein berührendes Buch, das den Leser nicht loslässt und einen profunden Einblick in die menschliche und soziale Dimension der Kapverden vor ungefähr 60 bis 70 Jahren bietet.

Die Leser, die das heutige „Cabo Verde“ kennen, werden zwar manches wiederfinden, nicht mehr jedoch das Elend, wie es vor zwei bis drei Generationen geherrscht hatte.

Das Buch ist hervorragend übersetzt, und seine Lektüre kann allen Freunden der Kapverden nachdrücklich empfohlen werden.

Bezug des Buches „Chiquinho“ über www.amazon.de.

Morabeza-Verlag München, 2013, 240 Seiten, broschiert, 14,98 Euro Taschenbuch oder 9,99 Euro Kindle-Version.
Arne Lund
26.9.2014