Maria Isabel Barreno: Der Herr der Inseln

Maria Isabel Barreno: Der Herr der Inseln

Roman aus dem Portugiesischen von Renate Heß,
Berlin: edition tranvía – Verlag Walter Frey, 2005, 358 S.

Maria Isabel Barreno war mir als Mitautorin der „Neuen portugiesischen Briefe” bekannt, die sie gemeinsam mit Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa verfaßt hat und die gegen Ende der Salazar-Diktatur im Jahr 1972 in Lissabon erschienen sind. Ich erinnere mich, daß der Roman, der eine moderne Version der von der portugiesischen Nonne Mariana Alcoforada im Jahr 1669 verfaßten „Lettres portugaises” darstellt, im regimefreundliche Kreisen und vor allem im katholischen Klerus des Landes große Empörung auslöste. Marcelo Caetano, der Ziehsohn des Diktators und sein Nachfolger, versuchte jedoch damals, soweit ich mich erinnere, die Autorinnen nicht zu kriminalsieren, so daß sich sie mehr oder weniger unbeschadet aus dem Verfahren hervorgingen.

Maria Isabel Barreno war im übrigen bis zur Veröffentlichung der „Neuen Portugiesischen Briefe” nicht regimekritisch aufgefallen – das verwundert allerdings nicht, denn die Zensur hatte unter Salazar – weniger stark unter Caetano – das Land fest im Griff.

Nach der „Nelkenrevolution” (25.04.1974) war Maria Isabel Barreno für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften in Portugal tätig – u. a. auch als Chefredakteurin der portugiesischen Ausgabe von „Marie Claire”. Aus ihrer Feder stammen zahlreiche nach 1979 erschienene Romane, von denen einige auch in deutscher Übersetzung erschienen sind. Genannt seien hier nur die bereits erwähnten „Neuen Portugiesischen Briefe” (Berlin 1995), „Der gestohlene Diamant (Frankfurt 1997), „Der Tugendkreis” (Aachen 1998), „Die Nonne und der Mörder” (Berlin 1999) und der im Jahr 1994 erschienene und hier besprochene Roman „Der Herr der Inseln” (O senhor das ilhas).

Für ihre „Crónica do tempo” (Chronik der Zeit) erhielt Maria Isabel Barreno den “Prémio Fernando Namora” – den bedeutentsten Literaturpreis Portugals – und zwei weitere Literaturpreise, u. a. den des portugiesischen PEN-Clubs.
Sie befaßte sich bereits vor der Veröffentlichung des hier interessierenden Buchs mit der Thematik der Kapverdischen Inseln und war Mitarbeiterin an einem portugiesisch-kapverdischen Film über die Insel Sal und Manuel António Martins, also dem „Herrn der Inseln”.

Auf diesen Namen nimmt Maria Isabel Barreno, deren vollständiger Name (...Barreno de Faria Martins) lautet im übrigen gleich in ihrer Danksagung an verschiedene Förderer Bezug und outet sich zugleich als Nachfahre verschiedener Cousinen und anderer Verwandter, die uns im 19. Jahrhundert auf Sal und Boavista begegnen werden.

Da es nicht möglich ist, diese umfassende Familienchronik der Familie Martins auf wenigen Seiten darzustellen, werde ich mich im folgenden darauf beschränken, einige wesentliche Aspekte des Buchs herauszugreifen und zum Abschluß die Frage zu stellen, ob sich seine Lektüre für Freunde und Kenner der kapverdischen Inseln tatsächlich lohnt.

Das Buch ist in sechs große Abschnitte aufgeteilt, die keine Überschrift tragen, jedoch ihrerseits in eine Vielzahl von Kapiteln gegliedert sind – genannt seien hier nur aus dem ersten Abschnitt die Kapitel I „Der Traum” und 12. „Die verkaufte Insel”, aus dem Abschnitt II das Kapitel 1. „Das Wappen” und dem Abschnitt VI „Die Orchilla”.

Zu dem Wort „Orchilla” ist gleich eine Anmerkung nötig. Es taucht häufig auf – so wird zum Beginn gesagt, daß Manuel António Martins durch den Orchillahandel zu Reichtum gekommen ist, aber nicht erläutert, was „Orchilla” bedeutet. Es ist kein portugiesisches Wort, klingt eher spanisch, doch auch dort ist es unbekannt. Meinem deutsch-portugiesischen Freund war das Wort nicht geläufig, und man findet es auch in keinem Wörterbuch. Ich vermute, daß es sich hier um einen künstlichen Farbstoff handelt, oder auch um einen natürlichen, wie man ihn von den Baumläusen auf den Kanaren kennt. Aber wie dem auch sei. Es ist doch ein erheblicher Mangel, daß ein solches Wort, das für den Inhalt der ganzen Familienchronik von großer Bedeutung ist, nicht erklärt wird.

Die Handlung ist auch als solche recht verwirrend, wozu auch die große Anzahl an Vor-und Familiennamen beiträgt. So heißt die „Sippe” auch nicht immer Martins, sondern es treten andere Namen hinzu, wobei es sich bei diesen um Namen der Schwiegereltern, der Neffen und diverser Cousinen und anderer Verwandter handelt. Noch komplizierter ist jedoch die Zahl der Vornamen – Manuel, Fernando, Gustavo, Luísa, Adriano, Américo, Leonardo, Inês Filipa, Gabriela, Aurora, die nur einen kurzen Auftritt in der Chronik hat, da sie bei der Geburt ihres driten Kindes stirbt, Maria Josefa, die Ehefrau von Manuel António und Mutter von sechzehn Kindern, Feliciana, Aniceto, der Vater Maria Josefas, Ionana, die schwarze Amme der zahlreichen „Milchkinder” der Familie und vier Mal Maria, wobei gegen Ende des Buchs eine der Marias in Mary umgetauft wird.

Diese unübersichtliche Anzahl an Personen kommt dadurch zustande, daß Manuel António Martins zahlreiche Liebschaften mit schwarzen Frauen hat und diese Kinder in die eigene Familie aufgenommen werden. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Tochter Mécia, die, nach nachdem sie von ihrem aus Portugal stammenden Verlobten verlassen wird, ihre Enttäuschung durch lebenslanges Sticken zu kompensieren versucht. Auch Cremilde, ein Schwarze vom Kontinent, die als Faktotum die gesamt Familie über Generationen hinweg betreut, spielt in dieser Familienchronik eine wichtige Rolle.

Es ist ziemlich schwer, sich als Leser in diesem Panoptikum der „legitimen” und „illigitimen” Familienangehörigen zurecht zu finden, wenn er sich auch damit trösten kann, daß das Ehepaar Martins weit von Rassenschranken und Standesdünkel entfernt ist. Es ist also der Prototyp der kreolischen Familie und Gesellschaft.

Was den Roman als Ganzes betrifft, so finden wir hier verschiedene Handlungsstränge, die nicht immer ganz einfach zu entwirren sind. Zwei von diesen sind jedoch besonders wichtig, so daß sie hier zumindest genannt werden sollten. Der eine beschreibt das persönliche Schicksal des Protagonisten Manuel António, der andere die historischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die sich in den Jahrzehnten zwischen 1780 und 1840 auf den Kapverden und in Portugal abspielen.

Kommen wir zunächst noch einmal zum Leben unseres Protagonisten. Manuel António erleidet vor der Insel Boavista Schiffbruch – Kapverdenkenner wissen, daß diese Insel für die Schiffahrt berühmt-berüchtigt ist. Von seiner Mannschaft ist er der Einzige, der überlebt und der auf dieser Wüsteninsel das Glück seines Lebens trift. Die junge Maria Josefa findet ihn schwerverletzt am Strand, und es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie päppelt ihn wieder hoch, und Manuel António beschließt, nicht mehr nach Portugal zurückzukehren, sondern auf Boavista zu bleiben, was dem Vater von Maria Josefa, Aniceto, nicht recht ist. Da er nicht weiß, woher Manuel António kommt, mißtraut er ihm und ist nicht bereit, ihm seine Tochter zu überlassen. Man erfährt immerhin, daß Manuel António aus Braga stammt – Nordportugal – und seine Mutter italienischer Abstammung ist. Als Aniceto, der Kommandant von Boavista ist, feststellt, daß Manuel António genau wie er das „Blackganmmonspiel” liebt, freundet er sich mit ihm an und steht einer Heirat von Maria Josefa und Manuel António nicht mehr im wege.

Aus Gründen, die nicht ganz klar sind, zieht Manuel António die damals noch unbewohnte Insel Sal Boavista vor, und verbringt längere Zeit auf diesem wüstenhaften Eiland. Dabei macht er die Entdeckung, daß die Insel große Vorräte an Salz besitzt und versucht diese Vorkommen zu erschließen und auszubauen. Dabei legt er mit der Hilfe seiner Söhne und Sklaven einen Tunnel an, den eine Lorenbahn durchqueren wird – Leser, die Sal kennen, wissen, daß dieser Tunnel und die Bahn heute noch existieren und funktionieren. Hier wird deutlich, daß Maria Isabel Barreno häufig geschickt Fiktionales und Reales miteinander vermischt. Ihren Vorfahren gab es tatsächlich, und auch der Tunnel ist keine Erfindung. Auch andere Personen, die mit der Geschichte der Kapverden im Zusammenhang stehen, haben existiert, andere Namen wurden erfunden- so Maria Isabel Barreno in ihren Vorbemerkungen.

Manuel António gelingt es nach vielen Widerständen öffentliche Ämter zu erhalten – er wird zunächst Kommandant von Sal und sogar zeitweilig Präfekt aller kapverdischen Inseln und zeigt sich bis zu seinem Lebensende als toleranter Mensch, der mit der liberalen Bewegung in Portugal sympathisiert.

Der zweite, der nicht-fiktionale Handlungsstrang, ist für manche deutschen Leser vielleicht schwerer zugänglich, obwohl auch er mit dem Leben und Schicksal Manuel Antónios verbunden ist. Er ist deswegen schwerer zu verstehen, weil er sehr gute Kenntnisse der portugiesischen Geschichte der Neuzeit voraussetzt. Und hier ist naturgemäß der portugiesische Leser im Vorteil, da ihm im allgemeinen die Grundlagen der portugiesischen und brasilianischen Geschichte eher vertraut sind. Und hier liegt auch ein großer Mangel der deutschen Übersetzung, die von einem aufmerksamen Lektor hätte bemerkt werden müssen – ein fehlendes Glossar oder entsprechende Anmerkungen. So finden sich auf 357 Seiten nur zwei Erklärungen – einmal zu „cabidelas” = Sud von Hühnerblut (schmeckt übrigens grauenhaft, Anmerkung von mir) und zu Egas Moniz, dem Hofmeister zu Zeiten von Dom Afonso Henriques (12. Jahrhundert). Ansonsten nichts, was kein Vorwurf gegenüber Maria Isabel Barreno sein soll, denn sie hat ja primär für ihre Landsleute geschrieben.

Was in dem nicht-fiktionalen Teil des Buches bemekenswert ist, sind die Hinweise auf Plagen und Probleme der Kapverden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die noch heute oder zumindest vor kurzem zu beobachten waren. Dazu gehört die Trockenheit auf den meisten Inseln, die im 19. Jahrhundert zu großen Hungersnöten geführt hatte – auch noch in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen allein auf São Nicolau ein Drittel der Bevölkerung verhungerte.

Dieses gilt auch für die zahlreichen Krankheiten, die die Bewohner der Kapverden heimsuchten und sehr oft zu ihrem Tod führten. Allerdings muß auch hier der Übersetzerin der Vorwurf gemacht werden, daß sie Begriffe verwendet, die dem Leser von heute nicht mehr geläufig sind. So schreibt sie vom Sumpffieber, an anderer Stelle auch vom Wechselfieber, das Sebastião hinweggerafft hat, wobei hiermit wohl die Malaria gemeint sein dürfte. Das Sumpffieber schlug auch in Boavista zu – meines Wissens gibt es dort heutzutage keine Malaria mehr – und in Praia (Santiago), wo die Malaria auch heute noch existent ist (im Oktober). Aufgrund dieser ungesunden klimatischen Bedingungen verlegte die portugiesische Königin Dona Maria II die Hauptstadt der Kapverden von Praia auf Santiago nach Vila Leopoldina auf São Vicente, das in Mindelo umgetauft wurde und damit an die Landung Dom Pedros an der Praia do Mindelo in Nordportugal erinnern sollte.

Hierzu muß ich anmerken, daß mir bei dieser Schilderung im Roman nicht ganz klar ist, ob es sich hier um Fiktion oder eine tatsächliche Begebenheit handelt. Ich habe keine Belege dafür gefunden, daß die Hauptstadt der Kapverden für kurze Zeit nach Mindelo verlegt worden ist, kann aber auch die Richtigkeit dieser Angabe nicht bestreiten. Ähnliches gilt für bestimmte Figuren, bei denen mir ebenfalls nicht klar ist, ob es sich bei ihnen um fiktive oder um historische Personen handelt. So spielt ein gewisser Pusich im Roman eine wichtige Rolle spielen, der aus Österreich – Wien? – stammen soll, der ein entschiedener Gegner Manuel António ist und für das reaktionäre Element im portugiesischen Königshaus steht.

In Anspielungen auf ethnische Eigenarten der Kapverder werden deutsche Kenner der Inseln dort Gesehenes und Erlebtes wiederfinden. So schreibt sie von einer schönen Mulattin mit grünen Augen, und jeder erinnert sich an Kinder – „Mulatinhos” - mit grünen Augen auf Sal oder auf anderen kapverdischen Inseln.

Auch bei den historischen Persönlichkeiten des Romans – also den Figuren der zweiten Ebene - hätte ich mir für deutsche Leser entsprechende Anmerkungen von Seiten der Übersetzerin gewünscht. So ist der Name Passos Manuel hier sicher völlig unbekannt, wer die „Miguelistas” waren, und was sie wollten, dürfte nur einigen deutschen Historikern geläufig sein. So bleibt dem deutschen Leser auch verborgen, was die „Revolution von Porto” für das Land bedeutet hat, und wer 1821 in Goa die Freiheit ausgerufen hat Wer der Vicomte Sá da Bandeira und Costa Cabral waren und welche Rolle sie in Portugal gespielt haben, wissen in Deutschland sicher nur wenige. Die häufige Nennung der Ortschaft Cacheu ohne entsprechende Erklärung – auch als „Companhia de Cacheu...” – dürfte den deutschen Leser vor ein Rätsel stellen – gemeint ist hier Cacheu in Guinea-Bissau.

Dagegen dürfte einigen deutschen Lesern vielleicht der Name Gorée bekannt sein - der größte Sklavenmarkt im Senegal – doch auch hier hätte eine Erklärung nicht geschadet. Mehrfach kommt im Roman der Begriff „Cortes” vor, der leider ebenfalls nicht erklärt wird. Die „Cortes” waren die Vorstufe des demokratischen portugiesischen Parlaments – vergleichbar mit den spanischen „Cortes” derselben Epoche. Leider ist der Übersetzerin in diesem Zusammenhang auch ein Fehler unterlaufen, denn einmal spricht sie davon, daß Manuel António sich auf den „Cortes” aufgehalten hat – hier hätte es natürlich heißen müssen in den „Cortes”.

Zum Abschluß noch zwei Bemerkungen. Die eine betrifft die Frage nach der Erzählerin/dem Erzähler des Romans, die oder der sich erst spät und dann eher beiläufig zu erkennen gibt. Es handelt sich hier um ein männliches Mitglied der Großfamilie, denn es heißt: „Ich selbst, der damals fünf Jahre alt war (...”); mehr erfahren wir nicht über ihn.

Die zweite betrifft die Frage, ob das Buch für deutsche Kapverdenkenner zu empfehlen ist. Ich meine, zum Teil schon, denn sie werden viel über die Geschichte der Inseln erfahren, über die sie zuvor vermutlich nur wenig wußten. Zum Teil ist die Lektüre jedoch auch eine eher „harte Nuߔ, da die Übersetzung nicht immer einwandfrei und die Zuordnung vieler historischer Personen nur schwer möglich ist. Aber vielleicht habe ich trotz allem unseren Mitgliedern Lust gemacht, es einmal mit der Lektüre des „Herrn der Inseln” zu versuchen.

Prof. Dr. Michael Scotti-Rosin
(Romanisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz /
Mitherausgeber der Zeitschrift „Lusorama – Zeitschrift für Lusitanistik“)
Arne Lund
9.11.2005