Zwanzig Jahre Kontakt zu den Kapverdischen Inseln

Zwanzig Jahre Kontakt zu den Kapverdischen Inseln

Persönliche Eindrücke

„Kennst Du die Inselgruppe der Kapverden?“, fragte mich 1985 mein Kollege Konny G. Neumann. Ich vermutete sie zwar im Atlantik vor der Küste Westafrikas, hatte aber – trotz Geographie-Studiums – keine genaue Vorstellung von ihrer Lage und schon gar keine Vorstellung von der Beschaffenheit und dem Aussehen der Insellandschaften.

Durch die Frage war jedoch meine Neugier geweckt; so versuchte ich, mich möglichst schnell zu informieren. Aber das war leichter gedacht als getan. Keine Afrikakarte der gängigen Schulatlanten verzeichnete diese Inselgruppe. Bei der Durchsicht von Reiseführern entdeckte ich nur in einem Reiseführer über Westafrika einige Zeilen. Auch in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek fanden sich keine verwertbaren Hinweise.

Endlich wurde ich erfreulicherweise in der Bibliothek der Geographischen Gesellschaft in Hamburg fündig. Durch systematisches und umfangreiches Suchen fand ich dort je einen botanischen und einen geographischen Exkursionsbericht aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die im Rahmen des Fachzeitschriftenaustausches zwischen den deutsch-sprachigen Geographischen Gesellschaften dorthin gelangt waren. Diese ausführliche Bemerkung ist deswegen wichtig, weil der geographische Exkursionsbericht von einem Österreicher verfasst worden war. Die beigegebenen Karten ermöglichten mir eine erste Orientierung über die insgesamt fünfzehn Inseln des Archipels. Die Texte boten dann erfreulicherweise viele Detail-Informationen.

Mitglieder des 1985 gegründeten Deutsch Kapverdischen Freundeskreises schlugen vor, eine Exkursion dorthin zu unternehmen und die Inseln zu erkunden. Ich sollte die geographische Exkursionsleitung übernehmen. Soweit möglich, versuchte ich, weitere Daten zu sammeln. Zu einer großen Hilfe bezüglich Informationen über die Wirtschaft des Landes wurden mir die Veröffentlichungen in der Bibliothek des Hamburger Weltwirtschaftsarchives.

Als weitere Quelle entpuppte sich das Hamburger katholische Seemannsheim „Stella Maris“ im Portugiesenviertel nahe den St. Pauli Landungsbrücken. Deren Leiter, Monsignore Leo Kreiss, bot hier kapverdischen Seeleuten, die gerade auf keinem Schiff angeheuert worden waren, eine Heimstatt. In Gesprächen auf Portugiesisch, Englisch oder in gebrochenem Deutsch ergab sich der eine oder andere Hinweis. Nach den Reisen durfte ich hier Vorträge vor den Seeleuten über ihre Heimat halten. Dabei musste ich jedes Mal darauf achten, dass von jeder der bewohnten zehn Inseln mindestens ein Bild vorhanden war, andernfalls gab es intensive Proteste.

Über den Deutsch Kapverdischen Freundeskreis bekam ich Kontakt zu Herrn Heinz G. Kremer, der langjährig als Ingenieur auf den Kapverdischen Inseln tätig gewesen war und nun in Hamburg als Honorarkonsul den jungen Staat Republik Kapverde, der 1975 selbständig geworden war, vertrat. Seine Geschäftsräume im Obergeschoss eines Bürohauses am Jungfernstieg waren Ort mancher unserer Treffen und boten einen exzellenten Blick über die Alster.

Als Vorstandsmitglied der Geographischen Gesellschaft in Hamburg gelang es mir, die Durchführung einer Exkursion zu den Kapverden anzuregen. Allerdings wurde ich auch mit deren Leitung betraut. So hatte ich im Herbst 1986 im Gymnasium Farmsen vor den potentiellen Reiseinteressenten einen einführenden Vortrag zu halten und sie für die Teilnahme an der Exkursion zu begeistern.

Für eine bessere Darstellung fertigte ich nach meinen Quellen geeignet große topographische und geomorphologische Karten der Inseln an und trug mein, ohne Lokalkenntnis nur nach der Literatur erarbeitetes Wissen vor. Trotz sorgfältiger Arbeit war mir nicht ganz wohl, da vor mir der Honorarkonsul saß, der die Inseln nicht nur mehrfach bereist hatte, sondern sich auch längere Zeit auf ihnen aufgehalten hatte. Außerdem war ein Kaufmann anwesend, der mit den Kapverden Handel trieb und wiederholt dorthin gefahren war. Zu meiner Erleichterung waren sie jedoch mit meinem Vortrag zufrieden.

So vorbereitet unternahmen wir vom 4. bis zum 19. Oktober 1986 unsere erste Exkursion. Über deren vielseitige Eindrücke und zahlreiche Erlebnisse berichteten wir in einem ausführlichen Exkursionsprotokoll. Wassermangel in den Hotels, sturzbachartige Regenfälle, Stromausfälle, durch tropische Regenfälle unpassierbar gewordene Pisten, nicht eingetroffenes Reisegepäck, Reduzierung vieler Mahlzeiten auf Hähnchen und Gemüsekonserven, die Fahrten mit dem Pickup gemeinsam mit Teppichen, Ziegen und Umschlägen voller vom ausländischen Arbeitsplatz an die Familien in der Heimat gesandten Geldes böten Stoff für mehrere Bücher.

Die Kapverdianer empfingen uns freundlich und hilfsbereit. Gespräche mit Regierungsmitgliedern, mit den Insel-Gouverneuren, im Kunst-Museum in Praja, im SOS-Kinderdorf Assomada, mit den Werftarbeitern in Mindelo sowie mit den Mitarbeitern der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit auf Fogo und den österreichischen Mitarbeitern eines Bio-Energie-Projektes vervollständigten unser Wissen. Der in der Caldera des Fogo angebaute Rotwein


und die vor den Inseln gefangenen Hummer gehörten zu den lukullischen Genüssen der Reise.

Der von mir verfasste Bericht über diese Exkursion erregte in Hamburg soviel Interesse, dass wir vom 14. bis zum 29. Oktober 1989 zu einer zweiten Exkursion starten konnten, über die ebenfalls ein Exkursionsbericht erstellt wurde. Die Mitreise einer portugiesisch sprechenden Kollegin erschloss uns viele Kontakte. Der Bau der Ringstraße auf Fogo, das Agrarprojekt Monte Genebra, das Studium der Saline Pedro Lume, die Arbeiten der einheimischen Kunsthandwerker, die Arbeit einer Schuhfabrik und die Bemühungen europäischer Investoren, Hotels zu bauen und den Tourismus als Erwerbsquelle zu gestalten, boten viele Diskussionsmöglichkeiten. Abenteuerlich waren der Flug mit der Transportes Aéreos de Cabo Verde und der Aufenthalt auf der Insel Boa Vista. Für die Kapverdianer hilfreich war die Ausgestaltung der Schulpartnerschaft mit dem Liceu Ludgero Lima in Mindelo auf Sao Vicente.

Nach meiner Rückkehr stellte ich fest, dass die Kapverdischen Inseln auf den Kartendarstellungen der beginnenden Neuzeit eine große Rolle einnahmen. Als Fixpunkt im Atlantik zwischen Südamerika und Afrika waren sie meistens in der Kartenmitte eingetragen. Oft sind sie in ihren Abmessungen überzeichnet. Eine besonders eindrucksvolle Darstellung sah ich auf der Humboldt-Ausstellung in Bonn. In den bildlichen Darstellungen wird die vulkanisch bedingte Rauchfahne über dem Pico de Fogo herausgestellt und damit auf die Leuchtturmfunktion der „Feuerinsel“ hingewiesen.

Wieder in Hamburg angekommen, versuchte ich, die Kapverden hier bekannter zu machen.

Schüler und Eltern erhielten unter anderem dadurch Kenntnis, dass im Rahmen eines Schüleraustausches eine Farmsener Schülerin zu den Inseln reiste, zwei Schüler aus Mindelo längere Zeit in Farmsen am Unterricht teilnahmen und auch eine kapverdische Kollegin am Gymnasium Farmsen unterrichtete sowie an einer gemeinschaftskundlichen Fahrt in die Stadt Berlin teilnahm.

Durch Kontakte mit der Geographischen Gesellschaft in Hamburg, dem Geographischen Institut sowie dem Geologischen und Paläontologischen Institut der Universität Hamburg gelang es mir, Ende der achtziger Jahre das ungenutzte Kellergeschoss des Geomatikum für eine Ausstellung über die Kapverdischen Inseln zur Verfügung gestellt zu bekommen. Dank der Hilfe von Schülern meines Erdkundeunterrichtes und unseres baukundigen und hilfsbereiten Laboranten konnten wir in mehrtätiger Arbeit die Wände mit Schautafeln bestücken und Vitrinen aufbauen. Der Landesverband Hamburg des Verbandes Deutscher Schulgeographen, dessen Vorsitzer ich seinerzeit war, beteiligte sich dankenswerter Weise großzügig an der Finanzierung.

Zur Eröffnung der Ausstellung am 19. Mai 1988 durften Herr Neumann („Vom Seeräubernest zu einem demokratischen Staat“) und ich („Wasser – Kardinalproblem eines Inselstaates“) vor den Mitgliedern der Geographischen Gesellschaft in Hamburg über die Inselwelt der Kapverden Vorträge halten.
Auch in der Lübecker Geographischen Gesellschaft konnten wir bei Kaffee und Kuchen über unsere Reiseeindrücke berichten.

Durch ein Schreiben an den Westermann Verlag in Braunschweig über die Vernachlässigung der Darstellung der Kapverdischen Inseln in den Schulatlanten entstand eine Zusammenarbeit mit dem Verlag, die mir dann sogar die Mitgestaltung am Atlas für Hamburg und Schleswig-Holstein ermöglichte.

Vor den Mitgliedern des Landesverbandes Hamburg des Verbandes Deutscher Schulgeographen konnte ich am 12. Februar 1987 einen Lichtbildervortrag über die Inseln halten, ebenso am 24. Juni 1993 vor dem Bundeselternrat inAugsburg und vor der Hamburger Gruppe des Deutschen Wissenschafter Verbandes.

Im Zoologischen Museum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel konnten wir über das „Wolkenmelken“ berichten, bei dem durch eine aufgespannte Gazefläche die Feuchtigkeit der Wolken kondensiert und das Kondenswasser in Glasbehältern gesammelt wird. Im Rahmen ihres Kinderprogrammes hatten Museumsmitarbeiter derartige Regenfänger nachbauen lassen.

Auf einer Führung für die Mitglieder des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen über das EXPO-Gelände in Hannover zeigte ich den Teilnehmern im Afrika-Pavillon selbstverständlich den Stand der Kapverden. Wenn auch klein, so bot er doch viele Informationen, insbesondere über die dortigen Tauchmöglichkeiten. Kämpfe zwischen den Eingeborenen und den europäischen Eroberern ließen manches Schiff in der Bucht von Cidade Velha sinken. Vermutete Gold- und Silberschätze locken Schatzsucher an.

Für eine weitere Publizität sorgte ich durch Aufsätze in den Fachzeitschriften „Geographie in der Schule“ und „Zeitschrift für den Erdkundeunterricht“. Besonderes Augenmerk widmete ich dabei dem Thema „Food for Work“ als eine sinnvolle Variante der Entwicklungshilfe.

Gemeinsam mit Herrn Neumann verfasste ich 1988 je einen Reiseführer für den Horack-Verlag und für den Grieben-Verlag. Bilder von mir wurden in einem Photoband über die Kapverden veröffentlicht. Mehrere Artikel durfte ich auch für das KAP VERDE JOURNAL verfassen, die inzwischen sogar im Internet nachzulesen sind. Außerdem beriet ich mehrfach Reiseinteressenten.

Auf einer Bonner Tagung zur Entwicklungshilfe konnten Herr Neumann und ich weitere aktuelle Informationen sammeln.

Zusammenfassend darf ich sagen, dass das Wort „Kapverden“ für mich eine große Anregung und Bereicherung war. Jedem Interessenten möchte ich raten, sich selber einmal auf das Erlebnis einer solchen Abenteuer-Exkursion einzulassen, um die sowohl geographisch als auch historische vielseitige Inselwelt kennenzulernen.


Dr. Harald Brandes

(Anmerkung: Der Autor war langjähriger stellvertretender Schulleiter des Gymnasium Farmsen und langjähriger Vorsitzender des Landesverband Hamburg des Verbandes Deutscher Schulgeographen.)
Arne Lund
8.5.2005