Kreolische Sprachen und Kulturen in der Lusophonie

Kreolische Sprachen und Kulturen in der Lusophonie

Zum Begriff des Kreolischen:

Der Begriff ist etwas unklar und sogar verwirrend, da mit ihm Unterschiedliches gemeint werden kann. Von der Etymologie her (Wortgeschichte) kommt kreolisch aus dem Portugiesischen von crioulo = criar und meint:

Erstens eine Person europäischer Abstammung, die in den portugiesischen Überseegebieten geboren wurde (auf Portugiesisch: colônias do ultramar – später províncias do ultramar). Hier bezieht sich der Begriff also auf Weiße, was für die Kreolen auf den Kapverden nicht zutrifft.
Auf diese trifft die zweite Bedeutung von „kreolisch” zu, die Schwarze meint, die in Amerika geboren wurden und die in Opposition zu den Schwarzen gesetzt wird, die in Afrika leben. Auf Portugiesisch: „Indivíduo de raça negra”. An dieser Stelle ist ein Einschub nötig. Anders als im Deutschen, in dem der Gebrauch des Wortes „Neger” gegen die „political correctness” verstößt, finden sich im Portugiesischen keine vergleichbaren Vorbehalte. Allerdings existiert mit dem Wort preto ein weiterer Ausdruck für Schwarze, das weitgehend synonym zu negro gebraucht werden kann – auf der „Feira Popular” in Lissabon gibt es seit Jahrzehnten ein „Café dos Pretos”, an dessen Namen niemand Anstoß nimmt.

Doch kommen wir jetzt zurück auf den Begriff des Kreolischen. Im „Michaelis”, einem der größten und neuesten einsprachigen Wörterbücher des Portugiesischen – sein genauer Titel lautet: „Moderno Dicionário da Língua Portuguesa”, seine letzte Auflage stammt aus dem Jahr 1998 und es wurde in São Paulo (Brasilien) gedruckt – finden wir unter dem Stichwort crioulo u.a. die folgende Definition: „4. Ling. Dialeto colonial de uma língua de Europa” (Kolonialdialekt einer europäischen Sprache), womit noch nichts darüber gesagt wird, daß das Kreolische aus einer Mischung einer europäischen Sprache mit verschiedenen afrikanischen Idiomen besteht. Doch etwas weiter im Text finden wir dann doch eine präzisere Angabe, die sogar das Kreolische der Kapverden erwähnt: „Diz-se do dialeto português falado em Cabo Verde e noutras possessões portuguesas da África” (Gemeint ist der portugiesische Dialekt, der auf den Kapverden und in anderen portugiesischen Besitzungen Afrikas gesprochen wird).

Diese Definition von „crioulo” – gemeint ist hier die Sprache - ist zwar genauer, sie ist jedoch auch nicht ganz korrekt. Anders als noch vor einem guten Jahrhundert angenommen werden die kreolischen Varietäten des Portugiesischen heute nicht mehr als afrikanische Dialekte dieser Sprache angesehen. Dieses gilt im übrigen auch für alle anderen Kreols, seien sie auf englischer, französischer, spanischer oder holländischer Basis.

Der Blick in ein weiteres Großwörterbuch des Portugiesischen – der „Novo Dicionário Aurélio da Língua Portuguesa” ist wie der Michaelis ebenfalls ein brasilianisches Wörterbuch der portugiesischen Sprache – enthält den gleichen Fehler. Auch hier wird von einem portugiesischen Dialekt gesprochen- „Diz-se do dialeto português falado em Cabo Verde e noutras possessões da África” (Gemeint ist der portugiesische Dialekt von Cabo Verde anderen portugiesischsprachigen Gebieten Afrikas.). Anders als der Michaelis erklärt der Aurélio diesen sog. portugiesischen Dialekt jedoch genauer: „Diz-se da língua nativa formada a partir da simplificação e amálgama de outros sistemas lingüísticos, e usada, a princípio, apenas como língua de comunicação” (Gemeint ist eine Eingeborenensprache, die auf Grundlage von Vereinfachung und Verschmelzung mit anderen sprachlichen Systemen aufgebaut ist und die zu Beginn nur als Verkehrssprache gebraucht wurde.)

Diese Definition kommt der Sache schon näher, denn das Kreolische der Kapverden und auch andere Kreols sind in der Tat eine Verschmelzung einer europäischen Basissprache – hier des Portugiesischen – mit Sprachen anderer Systeme – hier den afrikanischen. Auch eine Vereinfachung der Grammatik ist bei allen mir bekannten Kreols festzustellen, wobei diese Vereinfachung und Veränderung weit über das hinaus reichen, was die brasilianische oder portugiesische Umgangssprache zeigen.

Damit hier jedoch kein Mißverständnis entsteht: Vereinfachung und Veränderung heißt nicht, daß die Kreolsprachen für Ausländer leicht zu erlernen sind – doch darauf werde ich später noch zurückkommen.
Zum Vergleich soll an dieser Stelle noch ein in Portugal erschienenes Wörterbuch herangezogen werden – mir stand nur der „Lello Popular” aus dem Jahr 1964 zur Verfügung, der leider nicht zu den besten lexikographischen Darstellungen des Portugiesischen gezählt werden kann. Unter crioulo fanden wir die bereits in den brasilianischen Wörterbüchern aufgeführte Definition wieder: „Diz-se do dialecto português falado em Cabo Verde e noutros pontos da África portuguesa” (Gemeint ist der portugiesische Dialekt, der auf den Kapverden und in anderen Gebieten Portugiesisch-Afrikas gesprochen wird.) Weitergehende Erläuterungen zu dem Stichwort erfolgen nicht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der mit dem Begriff des Kreolischen nicht vertraute Leser nur im „Aurélio” eine vage Vorstellung von dem erhält, was Kreolisch meint, während der „Michaelis” diffus bleibt und der „Lello” völlig unzureichend definiert. Leider schreiben jedoch alle drei Wörterbücher von dem Kreolischen als einem portugiesischen Dialekt, der er jedoch nicht ist – hier sei ein Verweis auf die Bewertung des Kreolischen zu den Zeiten der Salazar-Diktatur angebracht, als es von Philologen als ein verderbtes Portugiesisch angesehen wurde.

Warum sind das Kreolische der Kapverden und auch andere Kreols nun keine Dialekte der jeweiligen europäischen Basissprachen? In der heutigen Linguistik ist man sich darüber weitgehend einig, daß Dialekte Bezüge zu einer Dachsprache haben müssen. Im Deutschen ist diese das Hochdeutsche, an der sich die deutschen Dialekte orientieren. Das bedeutet, daß auch eher geographisch und sprachlich abgelegene Dialekte einen Bezug zu dieser Dachsprache haben müssen, so daß zumindest eine minimale Verständigung über den Dialekt und die Dachsprache möglich ist – beim Schweizer Deutsch verläuft diese Verständigung jedoch nur noch über die Schrift.

Was das Portugiesische angeht, so steht hier anstelle des Hochdeutschen die „língua padrão”, an der sich die wenigen portugiesischen Dialekte Europas ausrichten – sowohl im Mündlichen als auch im Schriftlichen. Diese “língua padrão” ist die Sprache Lissabons oder auch die der Universitätsstadt Coimbra, und alle portugiesischen Dialekte Europas orientieren sich an ihr.

Was Brasilien betrifft, so hat die europäische „língua padrão” in ihrer Funktion als Dachsprache naturgemäß kaum Bedeutung. Das brasilianische Portugiesisch orientiert sich an anderen privilegierten Varietäten, wobei es an einer für alle Brasilianer verbindlichen Sprachform immer noch fehlt. Die meisten Brasilianer sehen im Dialekt der Region um Rio de Janeiro ein sprachliches Vorbild, andere bevorzugen die Varietät der Stadt und des Bundesstaates São Paulo und eine Minderheit schwört auf den Schmelztiegel der Hauptstadt Brasilia. Alle diese Varietäten sind jedoch untereinander verständlich, so daß offensichtlich kein Bedarf an einer Supernorm à portuguesa besteht.

Wo ist jetzt das Kreolische der Kapverden einzuordnen? Eine Dachsprache existiert nicht, und die „língua padrão” Portugals kann nur schlecht als Vorbild herhalten. Die insularen Dialekte der Kapverden sind zudem recht verschieden, und auch die Schriftsprache ist nicht einheitlich – man hat sich jedoch wohl auf den Dialekt von Santiago geeinigt, und dieser könnte sich in ferner Zukunft vielleicht zur Dachsprache des Kapverdischen entwickeln. Aber so weit ist es noch nicht. Denn schon die Überlegung, welches die Dachsprache für die insularen Dialekte des Archipels sein sollte und an welcher privilegierten Varietät des Kreolischen sich das Kapverdische orientieren wird, zeigt, daß die „língua padrão” Portugals hier keine Rolle spielt.

Wie kann das Kreolische der Kapverden nun sprachlich zugeordnet werden, wenn es offensichtlich kein afrikanischer Dialekt des Portugiesischen ist?

Zur Klärung dieser Frage muß zunächst auf die Entstehung kreolischer Sprachen Bezug genommen werden. Jede Kreolsprache – auch das Kapverdische – entstand im Rahmen der Kolonisation aus dem Kontakt zwischen Europäern und einheimischer Bevölkerung, bzw. den in die Gebiete verschleppten afrikanischen oder anderen Sklaven. Aus diesem Kontakt zwischen Sklavenhaltern und Sklaven entwickelte sich zunächst ein Art Pidgin, eine Behelfssprache, „língua de emergência” genannt. Dieses Pidgin, manchmal auch als „Kauderwelsch” bezeichnet, diente den Sklaven zur Aufrechterhaltung einer minimalen Konversation mit den Sklavenhaltern und später auch untereinander. Da die Sklaven unterschiedlichsten afrikanischen Völkern entstammten – die meisten der auf die Kapverden deportierten Schwarzen kamen aus Westafrika, einem Gebiet mit einer Vielzahl von Sprachen, die genealogisch zumeist nicht miteinander verwandt sind. Den Sklaven blieb also nichts anderes übrig, als sich der Sprache der Sklavenhalter zu bedienen, die zumeist aus der unteren Volksschicht Portugals stammten und kein klassisches Portugiesisch sprachen. Die Sklaven schnappten aus diesem eher schlichten Portugiesisch einige Brocken auf, verschmolzen es mit ihren Muttersprachen und aus diesem verstümmelten Konglomerat – dem Pidgin – entwickelte sich nach und nach eine „langue mixte”, ein Kreolisch, das über alle Züge eines vollständigen Idioms verfügte. Nahezu jedes Pidgin, sei es das „Sabir” des Mittelmeerraums, über das man nur wenig weiß oder ein anderes, sind niemals Muttersprache eines Volkes, sondern dienen immer nur als Hilfssprache. Wenn ein Pidgin jedoch zur Muttersprache wird – wie auf den Kapverden – wird es zu einer Kreolsprache. Da die Portugiesen in der Neuzeit die ersten Europäer waren, die kolonial in größerem Umfang expandierten, waren die ersten Pidgins und Kreols solche mit portugiesischem Wortschatz.

Von einer portugiesisch basierten Kreolsprache (Lusokreol) wird immer dann gesprochen, wenn der größte Teil des Vokabulars dem Portugiesischen entnommen – entlehnt – wurde. Wie bereits erwähnt, stellen diese Lusokreols jedoch trotz ihres portugiesischen Wortschatzes keine Dialekte des Portugiesischen dar, da sie sich in bezug auf Lautung und Grammatik erheblich vom Portugiesischen unterscheiden. Trotz des Wortschatzes des kapverdischen Kreols, der zu ungefähr 80 % auf dem Portugiesischen basiert, ist dieses auch für portugiesische Muttersprachler nicht verständlich. Ihnen wird es zwar gelingen, einige Wörter wiederzuerkennen, die Bedeutung ganzer Sätze bleibt jedoch verschlossen.

So schreibt in diesem Zusammenhang der deutsche Kreolist Matthias Perl – in „Fremdsprachen” Leipzig 4/1986, „Die Kreolensprachen können von Sprechern der europäischen Basissprache nicht verstanden werden” (228), und Petra Thiele, eine Kreolistin aus der damaligen DDR äußert sich in ihrem Aufsatz „Die Lusokreolsprachen im Überblick” in „Portugal heute”, Frankfurt 1997, S. 419 ähnlich: „die überwiegende Mehrzahl der Lusokreols ist für einen portugiesischen Muttersprachler nicht verständlich”.
- Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Ähnliche Erfahrungen habe im übrigen auch ich gemacht, denn auch mir ist es zu Beginn nicht gelungen, vollständige Sätze im Kreolischen der Kapverden zu verstehen. Man liest zwar häufig, das Kreolische sei aufgrund seiner im Vergleich zu den europäischen Basissprachen vereinfachten Grammatik leicht zu erlernen, doch dieser Beurteilung vermag ich nicht zuzustimmen. Vielleicht lernt sogar derjenige, der die Basissprache Portugiesisch nicht beherrscht, das Kreolische leichter und schneller als der portugiesische Muttersprachler oder der, wie ich, zuvor das Portugiesische als Fremdsprache gelernt hat. Jemand ohne portugiesische Sprachkenntnisse kann vielleicht unbefangener darangehen, das Kreolische zu erlernen als derjenige, dessen Vorkenntnisse im Portugiesischen für das Kreolische auch störend sein können.

Petra Thiele spricht von der überwiegenden Mehrzahl der Lusokreols, die für portugiesische Muttersprachler nicht verständlich sind. Damit bezieht sie sich nicht nur auf das kapverdische Kreol, sondern auf weitere afroportugiesische Kreolensprachen, auf die ich später noch kurz eingehen werde. Doch bleiben wir zunächst noch beim Kreolischen der Kapverden, das von Insel zu Insel sehr verschieden ist. Petra Thiele schreibt in diesem Kontext: „Kreolsprachen haben in der Regel ein geringes Prestige und sind zumeist nur mündlich existent, d.h. sie verfügen häufig nicht über eine kodifizierte Norm oder eine Schrifttradition” (419). Doch dies trifft auf das kapverdische Kreol nicht unbedingt zu, denn es verfügt bereits seit dem 19.Jahrhundert über eine literarische Tradition. Es spielte eine wichtige Rolle im Unabhängigkeitskampf, der auf den Inseln bekanntlich unblutig verlief, und die Dialekte einiger Inseln stehen dem Portugiesischen Europas etwas näher als andere. Das Kapverdische von Santiago wurde bereits 1978 zur Nationalsprache erklärt, und es existiert der Entwurf für eine verbindliche Orthographie.
Es hat eine wichtige Funktion im Rahmen der Schule, die Alphabetisierung der Erwachsenen fand jedoch meines Wissens noch auf Portugiesisch statt, und auch die Sprache der Massenmedien ist weiterhin überwiegend das Portugiesische. Wir haben es auf den Kapverden also mit einer bilingualen Gesellschaft zu tun – das „Kabuverdianu” als Muttersprache aller Kapverdier und das Portugiesische als Zweitsprache vieler Bewohnern der Inseln – wie viele es im einzelnen sind, ist jedoch nur schwer festzustellen. In einem Verweis fand ich die Zahl 34 % portugiesischsprachiger Kapverdier, die mir jedoch zu niedrig gegriffen scheint – meine allerdings subjektiven Eindrücke auf den Inseln Sal und São Nicolau zeigten ein anderes Bild.

Ich hatte zuvor von den Inseldialekten gesprochen und will im folgenden kurz auf die dialektale Situation auf den Kapverden eingehen. Die Kreolisten unterscheiden hier zunächst zwischen dem „crioulo fechado” (geschlosssenen) und dem „crioulo aberto” (offenen)– bisweilen finden sich hierfür auch andere Ausdrücke wie „pesado” (schwer) und „leve” (leicht). Diese Bezeichnungen gehen natürlich zum einen von der Opposition gegenüber dem Portugiesischen aus, können jedoch auch den Schwierigkeitsgrad der jeweiligen Varianten meinen. Es scheint so zu sein, daß die Dialekte der Barlaventoinseln im allgemeinen zum Typus “crioulo aberto”, die des Sotavento eher zum “crioulo fechado” gerechnet werden. Da ich nur zwei Barlaventoinseln kenne, kann ich die Dialekte des Sotavento aus eigener Anschauung nicht beurteilen. Was jedoch den Charakter des Kreolischen auf Sal betrifft, so gilt es unter Einheimischen als besonders stark lusitanisiert, wozu vermutlich der einzige internationale Flughafen der Kapverden mit seinen zahlreichen Flügen nach Lissabon und den mit ihm verbundenen Kontakten nach Portugal eine Rolle spielen dürfte. Das Kreolische auf der eher abgelegenen Insel São Nicolau scheint dagegen schwerer zugänglich, so mein persönlicher Eindruck. Allerdings sollte diese Beurteilung nicht mißverstanden werden. Auch das Kreolische von Sal ist ein „harter Brocken” und nicht leicht zu verstehen – das gilt im übrigen auch für die Texte der Mornas, die Cesária Évora vorträgt. Cesária stammt bekanntlich von der Insel São Vicente, also einem Eiland, das wie Sal ebenfalls zum Barlavento gerechnet wird. Doch auch hier zeigt sich das sogenannte „Crioulo leve” als keineswegs leicht zugänglich.

Der Abstand zum Portugiesischen wird sich im übrigen noch vergrößern, wenn das „Crioulo” von Santiago definitiv zur Basis für Orthographie und Grammatik des kapverdischen Kreols festgelegt wird. Santiago gehört bekanntlich zum Sotavento und zählt nicht nur ethnisch, sondern auch sprachlich zu den afrikanischsten Plätzen der Kapverden. Doch auch der Versuch der Bewohner von São Vicente, ihren eigenen Dialekt zur Normsprache der Kapverden zu erklären, würde die Distanz zum Portugiesischen nicht wesentlich verkleinern. Das Kreolisch würde auch in diesem Fall eine eigenständige afrikanisch-europäische Mischsprache bleiben.
Wenn ich davon gesprochen habe, daß Grammatik, Wortschatz und Aussprache von Insel zu Insel differieren und eine Sprachnorm des Kreolischen noch in Vorbereitung ist, so heißt dieses jedoch nicht, daß das kapverdische Kreol nicht verschriftet ist. Seine dialektale Zersplitterung bereitete jedoch schon in früheren Jahrhunderten Probleme, wie das mittlerweile nicht mehr existierende „Seminário-Liceu” von São Nicolau und die in den Dreißiger bis in die Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf São Vicente erschienene Zeitschrift „Claridade” zeigt, an der u. a. Jorge Barbosa, Baltasar Lopes und Manuel Lopes mitwirkten. Auch der auf den kapverdischen Münzen und Geldscheinen abgebildete von Brava stammende Dichter Eugénio Tavares versuchte sich im kreolischen Dialekt seiner Heimatinsel, wechselte jedoch häufig auch zum Portugiesischen, da dadurch die Verbreitung seiner Gedichte eher gesichert schien.

Was bisher an literarisch Texten in Crioulo vorliegt, betrifft im übrigen fast immer die Lyrik und nur äußerst selten die Prosa; es scheint als ob sich das Kapverdische auch vom Klang her besonders gut für Gedichte eignet. Die Schwierigkeiten im Bereich der Prosa im Kreolo macht besonders der Roman „Odjo d’Agua” von Manuel Veiga deutlich (1987), der im Dialekt von Santiago verfaßt ist und daher auf den anderen Inseln nur selten gelesen wird – so zumindest der deutsche Kreolist Hans-Peter Heilmaier in seinen Untersuchungen zur kapverdischen Literatur (1992). Wir haben es hier offensichtlich mit einer sprachlichen Rivalität zwischen den Inseln zu tun, wobei die Kontrahenten vor allem die Inseln Santiago und São Vicente bilden.

Auch im Bereich der Schulen und der Printmedien zeigen sich ähnliche Komplikationen. Die Mehrzahl der Lesebücher für die Grundschulen – in kreolischer Sprache – kommt aus den Niederlanden, den USA und aus Portugal. Da man sich offensichtlich schwer tut, eine einheitliche Sprachnorm und eine einheitliche Orthographie für das Kreolische zu finden, konkurrieren z. Zt. noch die Inseldialekte von São Vicente und Santiago miteinander. Das Wörterbuch des Kreolischen von Jürgen Lang und anderen geht im übrigen vom Dialekt der Insel Santiago aus, und auch ich vermute, daß diese Sprachvariante das Rennen machen wird. Santiago ist immerhin die größte der kapverdischen Inseln, hat die meisten Einwohner und besitzt mit Praia die Hauptstadt der Inselrepublik. Es ist daher schwer vorstellbar, daß die kleine Insel São Vicente, trotz ihres bedeutenderen kulturellen Angebots, das Rennen machen wird. Die Vereinheitlichung des Kapverdischen geht im übrigen von Santiago aus, und hier ist wieder Manuel Veiga die treibende Kraft, der das Kreolische in seiner Darstellung „Diskrison Strutural di Lingua Kabuverdianu” beschreibt - herausgegeben vom „Institutu Kabuverdianu di Livru” in Lissabon (ohne Jahr).

Ich möchte noch einmal auf die Medien des Archipels und nach der in ihnen verwendeten Sprache fragen. Soweit mir bekannt, strahlt das kapverdische Fernsehen überwiegend in portugiesischer Sprache aus – auf Sal war es zumindest so. Das Kreolische kam im Kabelnetz nicht vor oder wurde auf die späten Nachtstunden verlegt. Bei den Printmedien scheint das Kapverdische stärker vertreten zu sein, obwohl die Namen der Zeitungen oder Zeitschriften nicht unbedingt angeben, ob es sich bei ihnen um kreol- oder portugiesischsprachige Publikationen handelt.

Genannt seien hier „Voz di Povo”, ein Blatt, das nur durch die Präposition di anstelle der portugiesischen de auf das Kreolische hinweist. Die Lektüre, dieser bereits vor einigen Jahren eingestellten Zeitung – sie konnte in der „Iberoromanischen Bibliothek Preußischer Kulturbesitz” in Berlin gelesen werden – war eine im europäischen Portugiesisch abgefasste Zeitung. Das Gleiche gilt auch für ihre Nachfolgerin „Horizonte”, deren Sprache ebenfalls ausschließlich Portugiesisch ist.

Ob andere Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls rein portugiesischsprachige Blätter sind entzieht sich meiner Kenntnis – erwähnt seien hier „A Voz de Cabo Verde” aus Praia, „Djâ d’Sal” von der Insel Sal, die jedoch auf meine Frage hin niemand kannte und „O Manduco” von Fogo. Beide Blätter tragen kreolische Namen, und es ist anzunehmen, daß es sich hier tatsächlich um kreolsprachige Publikation handelt.

Wie sieht es nun mit dem Verhältnis des Kapverdischen zum Portugiesischen aus? Ich hatte zuvor bereits darauf hingewiesen, daß es sich hier nicht um ein Verhältnis wie das zwischen Hochsprache (Portugiesisch) und Dialekt (Kapverdisch) handelt. Die Beziehungen zwischen beiden Idiomen sind eher Beziehungen zwischen zwei Sprachen, die sich trotz typologischer Ferne – indoeuropäisch-afrikanisch – durchaus nahe stehen. Das Portugiesische hat für das Kreolische vor allem in seiner Funktion als Schriftsprache große Bedeutung, denn die Einführung der Schrifttradition auf den Inseln erfolgte über das Portugiesische und nicht über die bis ins 19. Jahrhundert unverschrifteten kreolischen Dialekte. Die Alphabetisierung der kapverdischen Bevölkerung, die im übrigen sehr erfolgreich war – erfolgreicher als in anderen afrikanischen Ländern mit portugiesischer Amtssprache, fand bisher mit Hilfe des Portugiesischen statt, so daß streng genommen alle Kapverdier, die lesen und schreiben können, des Portugiesischen mächtig sein müßten; das Eigenartige an dieser Alphabetisierungskampagne ist, daß Portugal selber, in den Zeiten der Diktatur die höchste Analphabetenquote aller westeuropäischen Länder aufwies.

Die Zukunft wird zeigen müssen, ob das enge sprachliche und kulturelle Band, das die Kapverden mit der ehemaligen Kolonialmacht verbindet, weiterhin Bestand haben wird. Diese enge kulturelle und sprachliche Nähe zeigt sich im übrigen auch darin, daß alle geographischen Bezeichnungen auf den Inseln die alten geblieben sind und diese nicht durch afrikanische ersetzt wurden, wie es in Guinea-Bissau und den übrigen afrikanischen Staaten mit portugiesischer Amtssprache nach 1975 üblich geworden ist.
Ein weiteres Kriterium für die Bedeutung des Portugiesischen in einem kreolsprachigen Land, liegt in der Bedeutung der portugiesischen Sprache für Kontakte mit anderen lusophonen Ländern, aber auch darüber hinaus mit Ländern anderer Sprachen und Kulturen. In der Lusophonie leben mehr als 200 Millionen Menschen, zu denen auch die ca. 600.000 Kapverdier innerhalb und außerhalb der Republik zu rechnen sind. Ein Beschränkung auf das Kreolische allein wäre für die Bevölkerung des Archipels vermutlich fatal.

Die bereits genannte Sprachwissenschaftlerin Petra Thiele (Berlin) spricht davon, daß Kreolsprachen in der Regel ein geringes Prestige haben und zumeist nur mündlich existent sind, und häufig nicht über eine kodifizierte Norm oder eine Schrifttradition verfügen. (419) Diese Aussage kann jedoch hinsichtlich des kapverdischen Kreols so nicht stehen bleiben. Wenn es auch noch nicht alle Funktionen europäischer Sprachen erlangt hat, so ist es doch auf dem besten Weg dahin. Petra Thieles Bemerkung trifft jedoch auf andere portugiesische Kreolsprachen eindeutig zu, denn diese haben wenig Prestige, sind von dem Status einer Nationalsprache meilenweit entfernt und müssen sich mit dem Status einer Sprache innerhalb der Familie und unter Freunden begnügen.

Dieses trifft auf die portugiesisch basierte Kreolsprache von Guinea-Bissau zu, einem Staat, der nach der Unabhängigkeit von Portugal zeitweilig auf das engste mit den Kapverden verbunden war – auf die Geschichte des Guinea-Bissau-Kreol werde ich hier nicht näher eingehen, da der Kreolisierungsprozeß nach dem gleichen Muster wie auf den Kapverden abgelaufen ist.

Die Bewohner dieser Schwesterrepublik der Kapverden sind fast ausschließlich Schwarze – Mulatten sind eher selten. Das Kreol von Guinea-Bissau – auch Kriyol genannt – dient primär als Verkehrssprache für etwa die Hälfte der einen Million Einwohner der Republik. Neben dem Kreolischen werden etwa fünfzehn westafrikanische Sprachen gesprochen, unter denen das Balante und das Ful die wichtigsten sind. Nach Angaben von Perl und Thiele ist das Kreolische jedoch zunehmend zur Muttersprache geworden, wobei etwa 75 % der Bevölkerung das Kriyol als Erst- oder Zweitsprache verwenden.

Die Bedeutung des Kreolischen zeigt sich auch daran, daß eine Graphie der Sprache entwickelt wird, die dann für die Alphabetisierung der Erwachsenen genutzt werden könnte. Obwohl das Kreolische offensichtlich mit wichtigen Funktionen ausgestattet ist, ist es nicht die offizielle Staatssprache des Landes. Diese ist wie auf den Kapverden das Portugiesische, das im Schulwesen, in den Medien, der Verwaltung, der Justiz und der Diplomatie fast ausschließlich verwandt wird. Es ist nicht ganz klar, ob sich das Kreolische von Guinea-Bissau ursprünglich auf den Kapverden herausgebildet hat, da beide Staaten bis 1879 eine gemeinsame portugiesische Kolonie gebildet hatten – auch nach der Unabhängigkeit von Portugal gab es zeitweilig eine staatliche und politische Verbindung beider Länder (ich erinnere hier nur an Amílcar Cabral). Für das Kapverdische und das Kreol von Guinea-Bissau finden sich auf jeden Fall zahlreiche Übereinstimmungen im Bereich des Wortschatzes und der Grammatik. Wie das Kreolische auf den Kapverden in verschiedene Inseldialekte zerfällt, so besitzt auch das Kriol von Guinea-Bissau dialektale Varianten. Beschrieben wurden bisher der Dialekt von Bissau, Cachéu, São Domingos und Bafatá, wobei der Dialekt der Hauptstadt Bissau stark durch das Portugiesische geprägt ist – diese lusitanisierte Form des Kreolischen wird bisweilen auch in der Presse und im Radio gebraucht.

Ich hatte zuvor darauf hingewiesen, daß in allen ehemaligen portugiesischen Kolonien Afrikas – mit Ausnahme der Kapverden – geographische Bezeichnungen afrikanisiert wurden. Das gilt auch für Guinea-Bissau, und ich verweise hier nur auf den Ortsnamen Gabú, der zur Kolonialzeit Nova Lamego hieß.

Eine Besonderheit des Portugiesischen – weniger des Kreolischen – in Guinea-Bissau soll hier erwähnt werden. Das Land grenzt im Norden und im Süden an Staaten mit Französisch als Amtssprache – Senegal und Guinea – wobei im südlichen Teil des Senegal, der „Casamance”, Kryolo auf portugiesischer Basis gesprochen wird. Die kulturelle und sprachliche Nähe Guinea-Bissaus zur frankophonen Welt ist unbestritten, so gehört es Organisationen an, die nur afrikanischen Ländern mit französischer Amtssprache offen stehen. Dieses gilt auch für die Währung Guinea-Bissaus, die nicht wie auf den Kapverden der „Escudo”, sondern wie im Senegal der CFA-Franc ist. Auch im Hinblick auf die Religionen des Landes gibt es zwischen den Kapverden und Guinea-Bissau keine Gemeinsamkeiten. Während die Kapverdier bekanntlich zu fast 100 % Christen sind, sind die Bewohner von Guinea-Bissau zu fast 50 % Angehörige traditioneller Religionen, zu 45 % Moslems und nur zu 5 % Christen.

Wenn wir an der afrikanischen Westküste nach Süden bis zum Äquator fahren, gelangen wir in die dritte lusophone Republik, in der ebenfalls Kreolisch gesprochen wird. Der Äquator durchschneidet die Inselrepublik São Tomé e Príncipe zu der sprachlich noch das zu Äquatorial-Guinea gehörende Annobón gezählt werden muß. Auf den drei Inseln werden miteinander verwandte Lusokreols gesprochen, obwohl die Amtssprache Äquatorial-Guineas das Spanische ist. Auf der größten Insel São Tomé wird das Santomensische gesprochen, auch Forro genannt. Es entstand aus dem Kontakt von portugiesischen Siedlern und den auf die Insel verschleppten Sklaven, die ab 1485 aus dem südlichen Nigeria und später aus dem Kongo und Angola kamen.

Santomensisch wird von den meisten Bewohnern der Insel als Erst- oder Zweitsprache verwandt – ca. 90.000 Sprecher. Ein großer Teil, vor allem in der Hauptstadt São Tomé, spricht jedoch auch die offizielle Sprache der Inselrepublik, Portugiesisch.

Bei dem anderen kreolischen Dialekt, dem Angolar, handelt es sich um eine von den anderen Kreols stark abweichende Variante. Das „Angolar” zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Wörtern aus Bantusprachen aus – dem Umbundo und Kimbundu – und dadurch, daß es sich bei diesem Kreol um eine Tonsprache handelt. Die Angolarsprecher machen ca. 10 % der Bevölkerung aus, bei denen es sich um Nachkommen von entlaufenen Sklaven handelt.

Auf der kleinen Insel Príncipe wurde früher das Principensische gesprochen, eine Kreolsprache mit portugiesischem Wortschatz und afrikanischer Grammatik. Aufgrund mehrerer Epedimien, die fast die gesamte Einwohnerschaft der Insel dahinrafften, sind von dem ursprünglichen Kreol nur noch wenige Spuren geblieben. Die Kolonialmacht – Portugal – versuchte mehr oder weniger erfolgreich die Insel neu zu bevölkern, wodurch Zuwanderer aus dem Mutterland und aus verschiedenen afrikanischen Kolonien zu den neuen Bewohnern Príncipes wurden – übrigens auch zahlreiche Kapverdier.

Ein sprachliches Kuriosum ist die Insel Annobón, die politisch nicht zu São Tomé e Príncipe gehört. Das Kreolische der Insel, Fá d’Ambú genannt (Sprache von Annobón), wird noch von 4.000 – 5.000 Menschen gesprochen. Die Insel wurde ab 1503 von portugiesischen Siedlern und ihren Sklaven von São Tomé aus besiedelt. Die Insel ging 1771 an Spanien. Ihre Bewohner sind zweisprachig – Spanisch und ein portugiesisch-basiertes Kreol. Interessanterweise hat sich bei dem Kreolisierungsprozeß das Spanische nicht durchsetzen können, obwohl das Kreolische der Insel auch einige spanische Wörter aufgenommen hat.

Im Zusammenhang mit dieser eigenartigen Kreolsprache fällt in meinem Fach immer der Name eines frühen Romanisten, namens Hugo Schuchardt (Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts), der als der erste Kreolist Deutschlands gilt. Seine Dissertation trug den für heutige Verhältnisse politisch unkorrekten Titel „Über das Negerportugiesische von Annobón”, aber zu Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Titel offensichtlich niemanden gestört.

In den großen lusophonen Ländern Afrikas – Angola und Moçambique – aber auch im größten portugiesischsprachigen Land der Welt, in Brasilien, haben sie keine kreolischen Varietäten entwickelt, und ich möchte kurz begründen, warum dieses so ist und mit dem Beispiel Angolas beginnen.

Die Sprachenvielfalt ist gewaltig – Perl spricht von 80 bis 100 größeren Sprachen, die in diesem Land gebraucht werden. Ihre Mehrzahl zählt zu den Bantusprachen, aber keine konnte sich als Staatssprache durchsetzen. Da ein sprachlicher Kreolisierungsprozeß fast immer eine Sklavenhaltergesellschaft als Grundlage hat, und die Versklavten aus unterschiedlichsten Völkern und Stämmen kommen, die keine sprachlichen Verständigungsmöglichkeit miteinander haben, gehört auch dieser sprachliche Aspekt zu den Voraussetzungen für die Entstehung einer Kreolsprache. Beide Bedingungen sind jedoch in Angola nicht erfüllt – das Gleiche gilt auch für Moçambique. Die Angolaner und die Moçambiquaner wurden zwar von den Portugiesen versklavt, blieben als Sklaven jedoch nicht in ihrem Heimatland, sondern wurden als entrechtete Menschen in andere portugiesische Kolonien deportiert – ich erinnere hier an São Tomé und an Annobón. Die meisten der angolanischen Sklaven gelangten – sofern sie die Strapazen des Transports überstanden auf die andere Seite des Atlantiks, nach Brasilien. In den frühen Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft waren übrigens Angola und Brasilien verwaltungsmäßig miteinander verbunden, d.h. die Schiene verlief von São Paulo de Luanda (Angola) nach Salvador de Baia (Brasilien) und erst später direkt nach Lissabon. Hunderttausende von Angolanern wurden aus ihrer Heimat verschleppt und mußten in Brasilien für die portugiesischen Herren Sklavenarbeit leisten – doch dazu Näheres später.

Perl nennt übrigens noch einen weiteren Aspekt für die Entstehung kreolischer Sprachen in Afrika, den ich noch nachtragen möchte. Er spricht davon, daß in Angola der Anteil der Portugiesen an der Gesamtbevölkerung im Jahr 1974 10 % betrug – heute ist er nahezu bedeutungslos – doch daß es trotz dieser relativ hohen Zahl von Portugiesen im Land kaum zu einer Vermischung von weiß und schwarz gekommen ist. Also auch dieser Aspekt, der für die meisten kreolischen Gesellschaften von Bedeutung ist, fehlt in Angola weitgehend. Angola ist nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1975 auch ein gutes Beispiel für die Afrikanisierung der geographischen Bezeichnungen. Genannt seien hier nur zwei größere Städte: Nova Lisboa wurde zu Huambo, Sá da Bandeira zu Lubango.

In diesem Zusammenhang wird bisweilen eine angolanische Variante des Portugiesischen genannt, die „linguagem dos musseques”, die angeblich kreolische Züge trägt. Die „musseques” sind die aus dem Landesinneren in die Haupstadt Luanda gekommenen Zuwanderer, die zuvor kaum mit der portugiesischen Sprache in Kontakt gekommen sind. Sie sprechen überwiegend Kimbundo als Muttersprache und vermischen diese mit fehlerhaftem Portugiesisch. Nach der heute allseits akzeptierten Definition einer Kreolsprache, handelt es sich bei der Spache der „musseques” nicht um ein kreolisiertes Portugiesisch. Sie wird jedoch von manchen Portugiesen bereits als ein angolanischer Dialekt der „língua padrão” betrachtet, zumal sie auch in der modernen Literatur Angolas eine Rolle spielt – ich möchte hier nur den angolanischen Schriftsteller Luandino Vieira nennen, im übrigen ein in Angola geborener und gebliebener Portugiese.

Zu Moçambique werde ich mich jetzt kürzer fassen können, da auch hier von Kreolsprachen auf portugiesischer Basis nicht gesprochen werden kann. Auch die Bevölkerung Moçambiques diente den Portugiesen in erster Linie als Station zum Sklavenhandel, und man geht davon aus, daß allein im ersten Jahrhundert der portugiesischen Herrschaft über 1 Million Sklaven verschleppt wurden – allerdings nicht ausschließlich nach Brasilien, sondern auch nach Portugal und in andere Länder Europas.

Auch in Moçambique werden wie in Angola vor allem Bantusprachen gesprochen, unter denen das Suaheli –früher auch Kisuaheli genannt- die größte Sprecherzahl aufweist. Obwohl diese Sprache schon seit Generationen verschriftet ist und in Südostafrika nahezu als „Lingua Franca” gilt, ist man auch hier nach der Unabhängigkeit beim Portugiesischen als Staatssprache geblieben. Die Verankerung in der Bevölkerung des Landes ist jedoch weniger stark als in Angola und überwiegend auf die Eliten in den urbarnen Zentren beschränkt – Maputo (Lourenço Marques), Beira etc. Als Besonderheit für die sprachliche Situation des Landes muß die relativ große Verbreitung des Englischen in Moçambique genannt werden. Ein großer Teil der männlichen Bevölkerung ist in den südafrikanischen Goldminen beschäftigt, wo sie mit der englischen Sprache konfrontiert werden. Es gab für kurze Zeit nach der Unabhängigkeit sogar eine Diskussion darüber, ob das Englische das Portugiesische als Staatssprache ersetzen solle – zum Glück, aus der Sicht eines Romanisten, hat die Staatspartei – die „Frelimo” - dann doch anders entschieden.

Für das brasilianische Portugiesisch, dem ich mich noch kurz widmen möchte, gilt mittlerweile unwidersprochen, daß in dieser amerikanischen Variante des Portugiesischen keine kreolische Sprachform existiert. Das war jedoch nicht immer so, denn bis gegen Mitte des 18.Jahrhunderts sind halbkreolische Varianten belegt, die im Vokabular und in der Grammatik der „Bandeirantes” und der „Mameluken” festgestellt wurden. Diese aus geflohenen Sklaven, Angehörigen der indigenen Bevölkerung und Portugiesen der unteren sozialen Volksschicht bestehenden Abenteurer waren auf der Suche nach Gold und anderen wertvollen Mineralien von der Küste des Landes in das Innere vorgedrungen - ihnen verdankt der heutige Bundesstaat „Minas Gerais” (allgemeine Minen) seinen Namen.

Nach der Entdeckung Brasiliens durch den portugiesischen Seefahrer Álvaro Cabral im Jahr 1500 waren die Portugiesen auf zahlreiche indigene Stämme gestoßen, deren Sprachen zumeist nicht miteinander verwandt waren. Erst später bekam man Kontakt zu Indianern, die Tupi sprachen und entdeckte damit eine weit-verbreitete indigene Sprache, die heute in ihrer Variante, dem Guaraní, in Paraguay, zweite Staatssprache ist. Da sich bald herausstellte, daß die indigenen Völker und Stämme für schwere Arbeiten nicht geeignet waren – es ging hier um das Schlagen des Brasilholzes – wurden seit dem 17. Jahrhundert in großem Umfang afrikanische Sklaven aus Westafrika – Yoruba, Éwé und von der Küste Guineas stammende Stämme verschleppt.

Die Herausbildung einer Kreolsprache setzt auch voraus, daß heterogene afrikanische Völker in isolierter Insellage auf eine im Verhältnis zahlenmäßig geringe weiße Bevölkerung treffen, was für die Kapverden und andere Inseln an der westafrikanischen Küste zutrifft, nicht jedoch auf die großen portugiesischsprachigen Länder in Südwest- und Südostafrika und natürlich auch nicht auf Brasilien.
Der demographische Faktor in Brasilien zeigt, daß die Schwarzen zu keinem Zeitpunkt – auch nicht zu Beginn der Kolonialzeit – eine Mehrheit bildeten. Man spricht davon, daß ihr Anteil zwischen 1600 und 1650 ungefähr 25 % der Bevölkerung erreichte (Noll) und nur gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen Anteil von knapp 50 % ausmachte. (Holm) Seit dieser Zeit, ist jedoch eine Kreolisierung kaum noch vorstellbar, denn es existierten zwar die sog. „negros crioulos” – sie waren bereits im Lande geboren - deren Prestige unter den Schwarzen besonders hoch war, doch diese orientierten sich weniger an dem aus Europa kommenden portugiesischen Substandard – schlechtes Portugiesisch – sondern eher an den sprachlichen Finessen der kolonialen Mittelschicht.

Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, daß die Niederlassungen entflohener Sklaven –die sog. „quilombos” – zum Ausgangspunkt der Kreolisierung geworden wären, doch zeitgenössische Quellen geben dazu keine Auskunft. Auch die bisweilen genannten „mamelucos” – d. h. Mestizen, einer Vermischung von Indianern, Weißen und einem geringen Anteil an Schwarzen spielt für die Kreolisierung nur eine geringe Rolle. Bisweilen werden dagegen in der heutigen brasilianischen Umgangssprache und im Substandard einfacher Volksschichten kreolische Restbestände vermutet. Diese Sprache ist in der Tat stark vereinfacht und gebildeten Sprechern in Portugal und in Brasilien eine Gräuel. Aber ob es sich hier jedoch um eine Weiterentwicklung halbkreolischer Formen oder um eine Entkreolisierung handelt, wie manche meinen, ist unklar. Wenn es keine Kreolisierung gegeben hat, kann es auch keine Entkreolisierung geben – das Thema bleibt bis heute rätselhaft und ungelöst. Falls es die Zeit noch erlaubt, möchte ich in aller Kürze zum Abschluß noch auf die eher randständigen „Crioulos” verweisen, deren Sprecherzahlen minimal sind.

Zu den asiatischen Lusokreols werden das „Indo-Portugiesische”, das „Malaio-Portugiesische” und das „Sino-Portugiesische” gezählt. Ihre Entstehung weicht von derjenigen der afrikanischen Kreolsprachen ab, da es sich bei ihnen nicht um eine Vermischung auf der Grundlage des Sklavenhandels, sondern auf der Basis von Handelskontakten zwischen numerisch nur wenigen portugiesischen Händlern und einer großen einheimischen Bevölkerung handelt. Aus Mischehen hervorgegangene Kinder waren zumeist zweisprachig – ihre Nachkommen auch – d. h. sie beherrschten die jeweilige asiatische Sprache und deren kreolisierte Form, die von der asiatischen Sprache geprägt war.

Zu diesem „Indokreolischen” gehörte das „ceylonesische” Kreol, das heute jedoch ausgestorben ist – wohl nur noch als Familien- und Kirchensprache erhalten.
Etwas anders entwickelte sich das „Kreol” von Damão – der Ort liegt nördlich von Bombay. Es soll noch von der katholischen Bevölkerung gebraucht werden, obwohl die Konkurrenz des indischen Gujarati und des Englischen übermächtig ist. Das im indischen Diu –nordwestlich von Damão – gebrauchte Kreol verfügt gegenwärtig nur noch über etwa 15 Sprecher und steht vor dem Aussterben.
Das portugiesische Kreol von Goa, das 1961 von Indien besetzt wurde, dürfte heute ausgestorben sein. Bei älteren Leuten in Goa und vor allem im Bereich des katholischen Klerus hat sich, wie ich aus eigener Anschauung weiß, das Portugiesische, nicht jedoch das Kreolische gehalten. Seine Funktion dürfte das Konquanin übernommen haben.

Eine Sonderform des portugiesisch basierten Kreolischen stellt auch das „Malaio-Portugiesische” dar, das als Kristang bezeichnet wird und im Süden Malaysias anzutreffen ist. Wieviele Sprecher diese kreolische Variante des Portugiesischen, die auch als Papiá Kristang (Sprache der Christen) bezeichnet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Sie wurde jedoch, und das ist gesichert, noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Kirchensprache gebraucht. – Eine Hinweis an dieser Stelle: Das Wort papiá taucht in fast allen asiatischen Kreols auf portugiesischer Basis auf. Es bedeutete nichts anderes als Sprache. Mit portugiesischen Händlern gelangte das Kreolische auch nach Indonesien, wo es auf dem östlichen Teil der Insel Timor verbreitet wurde.

Der bis zum Jahre 1974 zu den portugiesischen Kolonien (Überseegebieten) gehörende Inselteil wurde für wenige Wochen unabhängig, geriet jedoch noch im selben Jahr unter indonesische Gewaltherrschaft, die erst mit der definitiven Unabhängigkeit am 20. Mai 2002 beendet werden konnte – mit Hilfe der UNO. Über die heute in Timor gebrauchten Sprachen liegen nur widersprüchliche Informationen vor. Nach 2002 mußte zunächst die Rolle des Portugiesischen als neuer/alter Staatssprache geklärt werden, die durch den jahrzehntelangen Gebrauch der indonesischen Staatssprache „Bahasa” ernsthaft bedroht war. Da auf Timor zudem das einheimische Tetum (austronesisch) als Verkehrs- und Handelssprache fungierte, blieb für eine lusokreolische Sprachform nur wenig Raum.

In einigen Vororten der Hauptstadt Dili soll sich das Kreolische der Händler jedoch bis Mitte des 20. Jahrhunderts gehalten haben.
Ein ähnlich düsteres Schicksal erlitt auch das einzige Sino-Portugiesische, auch Macaense genannt. Das bis zum 20. Dezember 1999 zu den portugiesischen Überseegebieten gehörende Territorium ist seitdem Bestandteil der Volksrepublik China. Da schon vor der Rückgabe an China das Portugiesische kaum verbreitet war – zum Ende der portugiesischen Herrschaft musste es sich bereits die Rolle der Staatssprache mit dem Chinesischen teilen – können wir von einem weiteren Rückgang seiner Bedeutung ausgehen. Und dieses gilt vermutlich in besonderem Maße für das Sino-Kreolische. Es konnte sich nach meinen Informationen noch bis zur Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts – also bis gegen 1850 behaupten – dürfte heute jedoch ausgestorben sein.
Nach neueren Angaben enthält das auf der Insel Curaçao in der Karibik gesprochene und spanisch-holländisch basierte Papiamentu auch kreolische Einflüsse aus dem Portugiesischen – doch diese Feststellung muß ich mangels besserer Kenntnisse zunächst mit einem Fragezeichen versehen.

Zum endgültigen Abschluß und zur Abrundung meines kleinen Beitrags sei noch darauf hingewiesen, daß es zahlreiche andere Kreolsprachen auf der Welt gibt, die nicht portugiesisch basiert sind. Dabei haben sich in der Kreolistik zwei Theorien herausgebildet. Die eine nennt sich monogenetisch und geht davon aus, daß sich alle Kreolsprachen aufgrund struktureller Gemeinsamkeiten aus der „Lingua Franca” des Mittelmeers und einem späteren Handelsportugiesisch entwickelt haben. Die polygenetische geht dagegen davon aus, daß sich Gemeinsamkeiten eher aus den weitgehend identischen sozioökonomischen Bedingungen ergeben haben – Plantagenwirtschaft, Sklaverei etc. -, es also außerlinguistische Faktoren waren, die zu den auffälligen Übereinstimmungen führten.

Prof. Dr. Michael Scotti-Rosin
(Romanisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz /
Mitherausgeber der Zeitschrift „Lusorama – Zeitschrift für Lusitanistik“)
Arne Lund
2.5.2005